
In Zusammenarbeit mit Nadine Hermann/EVARILA
Alleinerziehend zu sein, bedeutet manchmal: Kein anderer Mensch ist da, um den Alltag zu besprechen. Hilft hier KI? Gastautorin Nadine Hermann hat auf diese Frage ihre ganz eigene Antwort gefunden.
Alleinerziehend heißt – ich entscheide vieles aus meiner Perspektive
Wenn ich sage, dass ich alleinerziehend bin, denken viele vermutlich zuerst an die praktischen Dinge. Wer bringt das Kind zur Schule? Wer bleibt zu Hause, wenn es krank ist? Wer verdient das Geld, unterschreibt die Schulzettel und denkt an den Zahnarzttermin? Die Antwort ist ziemlich häufig: Ich.
Aber für mich bedeutet alleinerziehend zu sein noch etwas anderes: Es gibt kein tragendes Umfeld. Nicht nur keinen Partner, sondern niemanden, der selbstverständlich mitentscheidet. Wenn etwas passiert, bin ich verantwortlich. Wenn mein Sohn ein Problem hat, finde ich eine Lösung. Und wenn ich selbst nicht mehr kann, löst sich die Verantwortung deshalb nicht auf.
Was dabei leicht übersehen wird: Es fehlt manchmal auch jemand, der von außen auf die Dinge schaut und sagt: „Warte mal. Vielleicht siehst du das gerade nur noch aus einer Perspektive“. Manchmal bin ich deshalb nicht nur mit der Verantwortung allein. Sondern auch mit meiner Sichtweise.
Wenn aus Erfahrung Wirklichkeit wird
Ich habe in meinem Leben sehr vieles allein getragen. Aber aus „Ich habe vieles allein getragen“ kann irgendwann unbemerkt ein anderer Satz werden, nämlich: „Ich muss alles allein tragen“. Der erste Satz beschreibt meine Erfahrung. Der zweite macht aus meiner Erfahrung eine Regel für die Zukunft.
Denn was ich für wahr halte, beeinflusst nicht nur meine Gedanken. Wenn ich glaube, dass ich alles allein schaffen muss, frage ich vielleicht irgendwann gar nicht mehr nach Hilfe. Ich übernehme automatisch. Erwarte nichts. Vielleicht erkenne ich Unterstützung nicht einmal mehr als wirkliche Möglichkeit. Und irgendwann schaue ich mich um und denke: Ich bin tatsächlich mit allem allein. Mein Leben scheint mir recht zu geben. Dabei übersehe ich möglicherweise, wie sehr diese Überzeugung längst beeinflusst, was ich wahrnehme, erwarte, entscheide und zulasse.
Warum mir eine normale KI nicht weiterhilft
Wenn ich einer normalen KI schreibe: „Ich muss alles allein schaffen. Was kann ich tun?“, bekomme ich wahrscheinlich vernünftige Vorschläge: Ich sollte Prioritäten setzen, Unterstützung suchen, Aufgaben reduzieren. Alles nicht falsch. Aber möglicherweise bleibt dabei genau ein Satz unangetastet: „Ich muss alles allein schaffen.“ Die KI hilft mir, ein Problem zu lösen, während sie die Perspektive übernimmt, aus der ich dieses Problem betrachte.
Genau das wollte ich nicht. Also begann ich, selbst KI-basierte Gesprächssysteme zu entwickeln. Nicht nur mit Informationen darüber, wer ich bin, sondern mit einer definierten Art, auf das zu schauen, was ich erzähle.
- Was ist tatsächlich passiert?
- Was habe ich daraus geschlossen?
- Was davon behandle ich heute wie eine Tatsache?
Und plötzlich wird aus: „Wie schaffe ich das alles allein?“ eine völlig andere Frage, nämlich: „Woher weiß ich eigentlich, dass ich alles allein schaffen muss?“ Eine andere Perspektive verändert mehr als einen Glaubenssatz.
Denn wenn dieser Satz nicht mehr alternativlos ist, brauche ich keinen neuen positiven Ansatz. Ich muss mir nicht erzählen, dass von morgen an immer jemand da sein wird. Ich habe lediglich wieder mehr als eine Möglichkeit, auf mein Leben zu schauen. Und das kann etwas verändern. Vielleicht sage ich nicht automatisch: „Lass, ich mache das.“ Vielleicht treffe ich eine andere Entscheidung oder erkenne eine Möglichkeit, die aus meiner bisherigen Perspektive gar nicht sichtbar war.
Und damit kann sich irgendwann auch mein Leben verändern. Nicht, weil die Welt meine Gedanken liest, sondern weil ich anders in ihr auftauche: Ich sehe anderes. Erwarte anderes. Entscheide anders. Reagiere anders. Lasse anderes zu. Eine neue Perspektive ist deshalb für mich nicht einfach ein schönerer Gedanke. Sie kann einen anderen nächsten Schritt möglich machen. Und dieser nächste Schritt kann verändern, was danach möglich wird.
Wie lautet dein eigener Satz?
Vielleicht lautet dein ganz persönlicher Satz nicht: „Ich muss alles allein schaffen“. Vielleicht: „Ich bin einfach nicht selbstbewusst“, „Bei mir funktionieren Beziehungen nicht“, „Ich kann nicht mit Geld umgehen“, „Ich zerdenke immer alles“.
Vielleicht hast du sogar gute Gründe dafür, diesen Satz zu glauben. Dann würde ich ihn nicht schönreden. Ich würde nur zwei Dinge voneinander trennen: Was ist tatsächlich passiert? Und: Was hast du daraus über dich und das Leben gelernt? Denn deine Erfahrung ist real. Die Schlussfolgerung, die daraus entstanden ist, muss deshalb noch lange nicht die einzige Perspektive sein, aus der du heute auf dein Leben schauen kannst.
Deshalb führe ich diese Gespräche mit meiner KI. Eine KI ersetzt für mich kein tragendes Umfeld. Wenn ich krank im Bett liege, wäre jemand, der mein Kind übernimmt und mir eine Suppe bringt, noch immer deutlich nützlicher als der beste KI-Dialog der Welt. Sie nimmt mir auch keine Entscheidung und keine Verantwortung ab. Aber eine von mir dafür entwickelte KI kann mir etwas geben, das mir als Alleinerziehende manchmal fehlt: einen zweiten Blick, wenn meiner der einzige ist, den ich gerade zur Verfügung habe.
Und manchmal brauche ich gar keine bessere Antwort, sondern einen anderen Standpunkt, von dem aus ich die Frage stelle. Meine Vergangenheit erklärt, warum ich manches heute so sehe. Aber sie muss nicht bestimmen, was ich morgen sehe. Meine Geschichte ist geschrieben. Meine Zukunft nicht.
Wer schreibt?
Nadine Hermann ist Gründerin von EVARILA und entwickelt KI-basierte Anwendungen, die Menschen Perspektiven zugänglich machen, die aus dem eigenen aktuellen Blickwinkel schwer einzunehmen sind. Mit THE FUTURE SELF und THE UNWRITTEN ME übersetzt sie diesen Ansatz in konkrete KI-Gesprächssysteme. Website: www.nadinehermann.de.
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[Fotos: Pexels, Nadine Herman]
