Gesellschaft, Politik

Gemeinsam frei: Eine Gesellschaft, die Fürsorge ins Zentrum stellt

Fliegender Vogel an blauem Himmel.


Wie sieht eine Gesellschaft aus, die Fürsorge ins Zentrum stellt? Jedenfalls anders als eine, die ihren Fokus auf Leistung, Konkurrenz und Wettbewerb legt. An Letzterem ist nichts grundsätzlich Falsches. Evolutionärer Fortschritt basiert auf der Bereitschaft von Menschen, Anstrengung zu erbringen, sich Neuem zu öffnen und auch gegenseitig in Wettbewerb zu treten. Letztlich ist das Ganze eine Frage der Dosis: zu wenig Wettbewerb bringt Stagnation mit sich – zu viel erzeugt Angst.

Daneben schließt eine Gesellschaft, die Fürsorge ins Zentrum stellt, Wettbewerb nicht aus. Lediglich das Ziel unterscheidet sich. Nicht individuelles Vorankommen, nicht das Ausstechen und Übertrumpfen anderer steht in einem solchen Wettbewerb im Mittelpunkt, sondern gemeinschaftliches Vorankommen, das Ringen um die bestmögliche Idee, die differenzierteste Lösung, die Antwort, die tatsächlich der Gemeinschaft – und damit möglichst jedem ihrer Mitglieder – zugute kommt.

Jeder für sich – oder alle mit allen verbunden?

Letztlich steht hinter der Annahme, eine an Fürsorge orientierte Gesellschaft komme allen Menschen, die in ihr leben, zugute, ein Menschenbild, das den oder die Einzelne:n verbunden mit anderen sieht – in sozialen Beziehungen, in intellektueller, ökonomischer, psychischer Abhängigkeit von anderen und auch in Abhängigkeit von der Natur und den Ressourcen, die sie uns zur Verfügung stellt.

Im Kontrast dazu zeichnet ein Weltbild, dass allein auf die Maximierung eigener Möglichkeiten setzt, das Bild eines Menschen, der letztlich nichts und niemanden braucht, bzw., der verliert, wenn er andere zu sehr braucht. Das eigene Vorankommen steht im Zentrum; wenn jede und jeder sich gleichermaßen um dieses kümmere, gehe es am Ende allen gut, so die Anhänger:innen dieser Weltsicht.

Was dabei vergessen wird: Nicht jede und jeder hat gleiche Ausgangsvoraussetzungen. Und keiner von uns ist zu jedem Zeitpunkt des eigenen Lebens gleichermaßen unabhängig. Als Kind und im Alter spüren wir die Abhängigkeit von anderen besonders deutlich. Aber auch in der Mitte unseres Lebens könnten wir uns als Menschen moderner Zivilisation kaum ernähren ohne die Hilfestellung und die Güter anderer, wir stünden buchstäblich nackt da ohne die Kleider, die Werkszeuge, das Wissen anderer, die uns all dies zur Verfügung stellen. Wir hätten kaum soziale Beziehungen, würden nicht andere den Raum und die Möglichkeit dafür verschaffen. Kurz gesagt: andere zu brauchen, ist letztlich gar nichts, gegen das wir uns ernsthaft entscheiden können – vielleicht mit Ausnahme einiger sich radikal selbst versorgender selbstgenügsamer Eremiten.

Wir brauchen andere – in jeder Phase unseres Lebens

Andere zu brauchen ist eine Realität unseres Lebens. In einem Weltbild, dass diese Abhängigkeit nur in strikt ausgewogener Balance zulässt, zahlen wir (metaphorisch und im Wortsinn) dafür, dass wir die Leistung, die Angebote, die Hilfestellung anderer in Anspruch nehmen. Wir kaufen uns Lebensmittel, Kleidung, Unterstützung, medizinische Versorgung. Leider stößt das Modell immer dort an seine Grenzen, wo Dinge unverkäuflich sind. Wir können uns keine Liebe, keinen Zusammenhalt, keine Toleranz, keinen Frieden kaufen. Diese Dinge entziehen sich kapitalistischer Logik.

Was aber fordert eine Gesellschaft, die davon nicht ablassen will? Sie hat letztlich nur zwei Möglichkeiten: All das Immaterielle, nicht Käufliche, das unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält, muss in einer auf Wettbewerb und Käuflichkeit basierenden Gesellschaft radikal abgewertet werden. Nur so kann wiederum die Überhöhung alles Käuflichen gerechtfertigt werden. Wo sich die immaterielle Basis der Gesellschaft nicht komplett ausblenden lässt (da wir ohne sie schlicht zugrunde gehen würden), wird sie ausgelagert, als Aufgabe „der anderen“ beschrieben und als „Dienstleistung“ zur Ware erklärt. So bezahlen wir qua Versicherung die Pflege unserer alten oder kranken Angehörigen (immer strikt nach Pflegegrad), lassen Oma von der Pflegekraft aus Polen waschen und bringen unsere Babys in die mehrere Hundert Euro teure Krippe.

Und dennoch können wir uns nicht vollständig von der tief verwurzelten Abhängigkeit von anderen befreien. Etwas fehlt, auch wenn unser Leben scheinbar top-organisiert alle Bedürftigkeit anderen gegenüber abdeckt. Oft bleibt gerade dann eine diffuse Einsamkeit, eine innere Frage danach, ob das nun alles ist, eine Sehnsucht, anders mit unseren Mitmenschen und der Welt verbunden zu sein, als es uns ein rein zweck- und nutzenorientiertes Dasein ermöglicht.

Fürsorge kostet nicht nur, sie schenkt uns auch etwas

Das ist der Moment, in dem wir merken, dass Fürsorge nicht nur etwas ist, das Ressourcen, Zeit und Kraft von uns fordert, sondern auch etwas, was uns im Kern überhaupt erst ermöglicht, ein uns Menschen gemäßes Leben zu führen. Indem wir begreifen, wie bedeutungsvoll die Verbindung zu anderen für unser Leben ist, entziehen wir uns (fast) automatisch der Logik des Höher-Schneller-Weiter. Denn dann ist nicht mehr der bedeutend, der leistet, uns übertrumpft oder den wir hinter uns lassen. Statt dessen ist der Wert anderer gesetzt, unabhängig von ihrer Leistung.

Verbinden wir uns mit Menschen und nehmen die Bande wahr, die echte Fürsorge zwischen Menschen webt, spüren wir das. Dann verliert die Frage: „Wozu bist du gut?“ ihren Sinn. Denn die Antwort ist sowieso jederzeit spürbar: „Du musst nicht zu etwas gut sein, um wichtig zu sein“. Oder eben: „Du bist wichtig, allein dadurch, dass du bist“.

Was bedeutet all das nun für unsere moderne Gesellschaft? Für Ökonomie, Technologie, und gesellschaftlichen Wandel? Wir stehen an einem Scheideweg: Wir können in die Richtung gehen, wo wir menschliche Beziehungen immer weiter rationalisieren, ökonomisieren oder auslagern – in naher Zukunft sicherlich auch an Robotik und KI – und wo wir letztlich perfekt versorgt an unserer Einsamkeit ersticken. Oder wir gehen endlich den Schritt und wagen anzunehmen, was sowieso bereits Fakt ist: Wir brauchen einander. Wir müssen uns mit anderen verbinden, um als Menschen Bedeutung zu haben. Um eben nicht ein austauschbarer „Dienst am anderen“, eine austauschbare „Nutzerin“, ein austauschbarer „Leistungsträger“ zu sein. Wir müssen uns das Urmenschliche, die Bedürftigkeit, erlauben, um genau dieses Menschliche nicht zu verlieren.

Was wir dadurch gewinnen? Ein Leben in Freiheit. Eine Gesellschaft, die Fürsorge ins Zentrum stellt, verliert die Angst. Die Angst vor dem anderen und die Angst, jederzeit verlassen zu werden. In einer Gesellschaft, die diese Form von Verbindung lebt, ist jede und jeder Einzelne vor allem eins: wirklich innerlich frei.

Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.

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