
Ein Wolf, der erst die hilflose Großmutter, dann das ahnungslose Rotkäppchen frisst, bevor ein Jäger ihm den Bauch aufschlitzt? Ein glitschiger Frosch, mit dem eine Prinzessin auf Wunsch ihres Vaters das Bett teilen muss? Sieben Kleinwüchsige, die sich einer verstoßenen Schönen annehmen, deren böse Mutter ihr den Tod wünscht? Ganz ehrlich – nicht gerade die Bettlektüre, die ich mir für meine Kinder wünsche. Allein – würde ich ihnen Grimms Märchen vorlesen, bekämen sie genau das.
Silke Wildner, selbst zweifache Mutter, Diplom-Designerin, Herausgeberin und Autorin, wollte das so nicht stehen lassen. Und sie hat in ihrem Buch „Der 13. Schlüssel“ fix drei der bekanntesten Märchen der berühmten Brüder radikal umgedichtet – oder eher: neu geschrieben.

Aus Rotkäppchen wird „Das rote Käppchen“, aus Schneewittchen das Märchen „Schnee, Blut und Ebenholz“, statt „Froschkönig“ gilt: „Der Frosch wird zum König“ und – das sei bereits verraten – wandelt sich dabei, anders als im Originalmärchen, nicht nur äußerlich.
Alte Symbolik neu gedeutet
Denn das haben die drei Erzählungen im Märchenbuch „Der 13. Schlüssel“ (Amazon 2025) gemeinsam: Sie schauen tief unter die Oberfläche der alten Geschichten, greifen ihre Symbolik auf und interpretieren sie gänzlich neu. Da wird Rotkäppchens rote Haube zum Sinnbild für eine sinnliche, auch sexuelle, Weiblichkeit, der sie als Mädchen noch nicht gewachsen ist, sehr wohl aber als junge Frau. Darauf weist sie der Wolf hin, der in der Neufassung des Märchens nicht als hinterhältige, blutgierige Bestie auftritt, sondern eher als unnachgiebiger und zugleich weiser Ratgeber. Indem er dem Mädchen den roten Umhang entreißt, weist es dieses darauf hin, dass die Zeit noch nicht reif ist, sich in die Welt der Frauen zu begegnen. Erst als sie tatsächlich zur jungen Frau herangewachsen ist, übergibt er ihr den Umhang. Und nun strahlt sie darin in all ihrer weiblichen Stärke.

Die Großmutter wird in dieser Neugestaltung des Märchens nicht aufgefressen. Der zufällig vorbeikommende Jäger als Retter erübrigt sich. Und Rotkäppchen reift unter der wachsamen Aufsicht des Wolfes mit aller Zeit, die sie dafür braucht, zur selbstbewussten jungen Frau heran. Schön, oder?
Ähnlich läuft es auch in den anderen beiden Märchen. Die stets präsente Gewalt und Misogynie der Grimmschen Brüder? All die hinterhältigen Hexen, gehässigen Stiefschwestern und missgünstigen (Stief-)Mütter? Die passiven, nicht gerade hellen Prinzessinnen? Die Prinzen, die sich die Prinzessin greifen, noch bevor sie Ja sagt (vorzugsweise im Schlaf oder in der Ohnmacht) und die Königsväter, die ihren Segen dazu geben – Hauptsache, ihr Kind ist „unter der Haube“…
Fürsorge, weibliche Stärke und Entwicklungsfähigkeit
Die Erzählungen in Silke Wildners Märchenbuch „Der 13. Schlüssel“ zeichnen ein anderes Frauen-, aber auch Männer-, Mutter- und Vaterbild.

Das Bild nämlich starker, sich entwickelnder Persönlichkeiten. Ihr Handeln ist durchaus motiviert von schwierigen Gefühlen wie Eifersucht, Neid, Gier oder Eitelkeit. Sie sind – wie wir alle – nicht perfekt. Aber sie sind ihrem So-Sein und damit ihrem Schicksal nicht ausgeliefert. Das eröffnet die Chance, das eigene Verhalten zu verändern und auf sich geladene Schuld (wie die der neidischen Königin in „Schneewittchen“, die aus eigener Unsicherheit heraus ihrer Tochter den Tod wünscht), zu überwinden und damit zu neuer Erkenntnis zu finden.
Wie das in Silke Wildners Neufassung des bekannten Märchens „Schneewittchen“ konkret aussieht, sei hier nicht im Detail verraten – dass sich der Blick in dieses ganz andere Märchenbuch lohnt, aber schon.
Damit noch einmal auf einen Blick. Was bietet „Der 13. Schlüssel“?
- drei Märchenklassiker, komplett neu interpretiert
- starke, vielschichtige Figuren statt Stereotypen
- Fürsorglichkeit, weibliche Stärke und Entwicklungsfähigkeit der Charaktere als Kernaussagen der Geschichten
- Ein umfassender Anhang mit Erklärung der Symbolik (für die erwachsenen Leser/innen)
- ausdrucksstarke Bilder als Illustration der Märchen (hier hätte ich mir allerdings die Arbeit einer echten Illustratorin gewünscht. Die KI-generierten Bilder sind mir oft doch zu stupsnasig und „disneylike“)
Abgesehen vom Kritikpunkt der Illustration aber ein wirklich spannendes Experiment und gelungenes Lese- und Vorlesebuch. Auf jeden Fall empfehlenswert! Und ich warte auf Band 2. „Hänsel und Gretel“, „Aschenputtel“, „Schneeweißchen und Rosenrot“ und viele weitere Märchen rufen schließlich geradezu danach, neu geschrieben zu werden!
Herzlich, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
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[Fotos: privat; ich danke der Autorin für das Rezensionsexemplar]
