Familie, Gesellschaft

Kita-Roulette: „Wir haben heute leider keine Betreuung für Sie!“

Schild „Sorry, we‘re closed!“


In einer fernen Zeit brachte ich mein Kind morgens in den Kindergarten, wusste, ich konnte danach beruhigt meiner Erwerbsarbeit nachgehen. Es war gut versorgt und hatte auch wirklich Spaß in der Betreuung. Beim Abholen erlebte ich es, meist dreckverkrustet, fröhlich spielend mit den anderen Kindern. Die Erzieherinnen erzählten mir derweil, was gut gelaufen und was vielleicht an dem Tag schwierig gewesen war – immer spürte ich, dass sie den Blick für mein Kind und seine Bedürfnisse hatten, ohne die 20 anderen Kinder der Gruppe aus den Augen zu verlieren. Eine Leistung, die mich oft genug mit Bewunderung und Dankbarkeit erfüllte. 

Kita in der Großstadt – und auf dem Land

Mein älterer Sohn ging von 2018 bis 2021 in einen städtischen Kindergarten in Köln. Mit uraltem Laminatboden, knapper Kasse für Spielzeug und Verpflegung – aber wir hatten vermutlich einfach Glück, dass die Erzieherinnen, die dort arbeiteten, den Laden am Laufen hielten. Mit großem persönlichen Engagement und dem Herz am rechten Fleck. Auch in der Pandemie.

2021 zogen wir um in eine Kleinstadt in den Süden Deutschlands und waren froh, für unseren Großen noch ein Jahr lang einen Platz in einem Kindergarten ganz in der Nähe unseres Wohnortes zu finden. Hier wurde er ebenfalls herzlich aufgenommen, allerdings mit allen Einschränkungen der Corona-Pandemie: regelmäßige Corona-Tests für alle Kinder am Morgen, 20 Kinder in einem 25-Quadradmeter-Raum, da sich die Gruppen nicht mischen durften, die Erzieherinnen kamen nur mit Maske an die Tür und wir Eltern durften in dem gesamten Jahr das Gebäude nicht betreten. Alle Festlichkeiten mit Beteiligung der Familien fielen zudem aus. Unserem Sohn gefiel es trotzdem. Er fand leicht Freunde, einige davon begleiten ihn bis heute, in die Schulzeit hinein. 

Sohn Nr. 2 kam dann mit knapp zwei Jahren in die Krippe derselben Einrichtung. Ihn mussten wir nach einer kurzen Eingewöhnung, lange nach Lockerung der Maßnahmen, an der Kitatür abgeben und bekamen ihn mittags wieder herausgereicht. Mit einem Kleinkind, das besonders am Anfang noch kaum von seinen Erfahrungen in der Kita berichten konnte, nicht einfach, besonders in Phasen, in denen er offensichtlich nicht gern in die Krippe ging – und die gab es in dem Jahr, in dem er dort war, häufiger.

Heute geht er in den Kindergarten, wo das Abholen im Gebäude selbst wieder erlaubt ist. Dafür gibt es im Kita-Alltag neue Besonderheiten. Auffällig häufig ist fast die Hälfte des Personals krank, so dass immer öfter „Notbetreuung“ ausgerufen wird. Gehen schon die regulären Betreuungszeiten maximal bis 15 Uhr, endet die Notbetreuung oft schon um 14 Uhr. Angekündigt wird das meist ein bis zwei Tage im Voraus per Kita-App, manchmal auch erst am Tag selbst per Aushang im Eingangsbereich. Glücklich, wer als berufstätige Mutter oder berufstätiger Vater für diesen Fall eine Ersatzbetreuung an der Hand hat…

Betreuung nach Nachnamen

Die neueste Entwicklung toppt das Ganze aber noch: Aufgrund extremem Personalmangels dürfen an gewissen Tagen nur noch die Kinder mit bestimmten Nachnamen in den Kindergarten. Mittwochs die, deren Name mit einem Buchstaben von A bis P beginnt, donnerstags die von Q bis Z… Heureka! Damit bleibt in der Herbst- und Winter-Infektzeit nicht nur die Frage: Ist mein Kind gesund genug für den Kindergarten? Sondern auch: Gibt es überhaupt genug Erzieher:innen, damit die Betreuung aufrecht erhalten werden kann?!

Willkommen mitten in der Kitakrise! Wo in der Coronakrise die „Systemrelevanz“ der Eltern darüber entschied, ob ihr Kind Zugang zu frühkindlicher Bildung und Betreuung hatte, entscheidet aktuell der Nachname und Krankenstand im Personal darüber. Das Argument, das jeden Protest diesbezüglich im Keim erstickt: „Sie wollen doch auch, das Ihr Kind gut betreut wird? Und das können wir mit einer Erzieherin, die womöglich für 20 Kinder allein verantwortlich ist, nicht mehr leisten.“

Das Argument ist berechtigt. Aber ist es die Schlussfolgerung, die Kinder dann einfach (tageweise) nicht mehr in den Kindergarten zu lassen, auch? Wieder einmal baden hier Eltern (und Großeltern) die Schwächen eines Systems aus, das allzu lang schon „auf Kante“ gefahren wurde. Zu viele schlecht bezahlte, unter Personalknappheit am Limit arbeitende Erzieher:innen, denen oft nur Krankheit als Ausweg aus beruflicher Überlastung bleibt. Zuviel Verordnungen von Menschen, die oft weit entfernt vom Alltag der Betreuungseinrichtungen Entscheidungen treffen und zu wenig den Blick darauf wahren, was Erzieher:innen, Eltern und Kinder wirklich brauchen. 

Mehr vom selben? Nicht, wenn es so schief läuft wie jetzt gerade!

So jedenfalls kann es nicht weiter gehen: Mit der Selbstausbeutung der Erzieher:innen einerseits und dem ständig erhöhten Druck auf Eltern andererseits, die sich zwischen Beruf und Familie aufreiben. Und auch für die Kinder sind gestresste Erwachsene, die sie unter Zeitdruck und schlechten Rahmenbedingungen betreuen, definitiv kein Gewinn. 

Wo also ist der Ansatzpunkt zu positiver Veränderung? 

  • Flexibilität statt „One-fits-all“: Eine Kita also, die gerade in Zeiten der Personalknappheit den wirklichen Betreuungsbedarf erhebt. So könnten einzelne Eltern mehr bezahlen und dafür mehr Betreuung erhalten – andere, die tatsächlich zusätzlich zur Betreuung im Kindergarten ein privates Betreuungsnetz, zum Beispiel durch Großeltern, haben, könnten dafür weniger zahlen, aber auch weniger Betreuungszeit in Anspruch nehmen. Das ganze mit Kernzeiten, in denen wirklich alle Kinder den Zugang zum pädagogischen Angebot der Kita haben. Und mit der sozialen Absicherung, dass Familien mit geringem Einkommen aber hohem Betreuungsbedarf die Kitabeiträge (teilweise) erstattet bekämen.
  • Das würde jedoch eine ganz andere Einbindung der Eltern in den Kita-Betrieb bedeuten, als es heute vielerorts üblich ist. Elternvertreter:innen, die nicht nur zuständig für das Plätzchenbacken am Kita-Weihnachtsfest sind, sonden zum Beispiel auch als Ansprechpartner:innen – gemeinsam mit der Kita-Leitung – den konkreten Betreuungsbedarf der Elternschaft ermitteln. Und eine Leitung wiederum, die genau diese aktive Zusammenarbeit mit Eltern als Chance sieht, um gegenüber dem Kita-Träger den tatsächlichen Personalbedarf ihrer Einrichtung zu vertreten. Eltern und Personal, das sich in seinen Bedürfnissen gesehen fühlt, ist zudem viel wahrscheinlicher an anderer Stelle zu Engagement – oder auch Rücksichtnahme – bereit. Transparente Prozesse und Mitgestaltungsmöglichkeiten fördern Verantwortungsübernahme, das zeigen nicht umsonst Unternehmen, die dies im Sinne des „New Work“-Gedanken bereits praktizieren. 
  • Eine Kita betrachtet aus unternehmerischer Perspektive – aber nicht nur im Sinne der Rentabilität, sondern auch im Sinn der „Corporate Identity“ und der „Kund:innenzufriedenheit“. Eine Mobilisierung für bessere Betreuung und menschenfreundlichere Arbeitsbedingungen in Kindergärten scheitert oft auch an dem Gefühl, von der „Basis“ aus ohnehin nichts verändern zu können. Um als Gemeinschaft aus Eltern, Kindern und Erzieher:innen klare Forderungen stellen zu können, muss überhaupt erst das Gefühl da sein, an einem Strang zu ziehen – und zusätzlich muss klar sein, was wirklich gebraucht wird. Dazu müssen jedoch aktiv diejenigen gefragt werden, die wissen, worum es geht: Erzieher:innen, Eltern – und auch die betreuten Kinder. Das aber geschieht auf Trägerebene noch immer viel zu wenig. Statt dessen werden Entscheidungen von oben nach unten nach dem „Friss-oder-stirb“-Prinzip weitergereicht – oft am tatsächlichen Bedarf vorbei. Das erzeugt Frust und ein Gefühl des nicht gesehen Werdens – und sorgt auf lange Sicht durch ständig wechselndes Personal und hohe Krankenstände auch für entsprechende Kosten. 

Miteinander Neues schaffen – nicht gegeneinander!

Fazit: Statt der möglichst anonymen App-Nachricht an die Eltern „Wir haben heute keine Betreuung für Sie“ die Bereitschaft, die Elternschaft als eine Komponente zu sehen, die dazu beitragen kann, dass sich der Alltag in der Kita insgesamt verbessert. Wie? Indem Leitung und Träger fragen: Was wird wirklich gebraucht? Wo haben wir Spielraum, wo aber ist die Not auch groß? Und indem damit auf kommunaler und Trägerebene genau diese Expertise aus der Praxis genutzt wird, um rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen zu verbessern. 

Eine Utopie? Jedenfalls eine Vision. Was haltet ihr davon? Ich freue mich über den Austausch mit euch und auf eure Kommentare!

Herzlich, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.

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[Foto: Pixabay]

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