Familie, Politik

Nichts sehen, nichts hören, nichts fragen: Kita und Corona im Frühjahr 2022

Grafik: Drei Affen, die sich Augen, Ohren und Mund zuhalten.

Eigentlich ist das Wetter gerade viel zu schön und die Natur zu hoffnungsvoll in ihrem Blühen und Erwachen, um sich weiter mit dem leidigen C.-Thema auseinander zu setzen. Und dennoch ist dieses bei jedem Abgeben unseres älteren Sohnes an der Tür der Kita präsent. Während wir nach dem Klingeln auf Einlass warten (nach wie vor strikt nur für ihn, in fast einem Jahr Kindergarten an unserem neuen Wohnort habe ich diesen als Mutter noch nicht einmal betreten dürfen), fällt mein Bild auf ein laminiertes Schild an der Tür. Fein säuberlich sind dort alle vier Kindergartengruppen aufgelistet, jeweils mit Spalte rechts und links: Corona-Fall JA oder NEIN.

Der Corona-„Fall“ in unserer Gruppe? Der beste Freund unseres Sohnes

Bunte Post-It-Zettel wechseln munter von links nach rechts: gestern gab es wohl noch einen Fall bei der Nachbargruppe, heute sind dort offenbar alle wieder genesen; vor zwei Wochen leuchtete auch neben unserer Gruppe das Zettelchen auf der JA Corona-Seite. Welches Kind davon betroffen war, blieb für uns Eltern offiziell ein Geheimnis, ebenso wie die Frage: wie lange schon, „nur“ positiv getestet oder mit Symptomen und wie umfassend war der Kontakt unseres Kindes zu dem erkrankten Kind? 

Über einen Zufall erfuhr ich, dass der „Fall“ in der Gruppe unseres Sohnes sein bester Kindergartenfreund war – dumm nur, dass unser Sohn da schon seine Großmutter besucht und ganz offensichtlich angesteckt hatte. Getestet hatten wir ihn davor nicht mehr, denn bis auf eine minimal laufende Nase hatte er keinerlei Krankheitssymptome. Und von der Erkrankung seines Freundes wussten wir schlicht nichts. Nun, nach zwei Wochen mittelschwerem Verlauf ist auch seine Großmutter wieder genesen. Der Kita-Freund ist ebenfalls wieder in der Gruppe – alles super also? Vielleicht sogar „fast normal“ wie vor der Pandemie, als im Winter und Frühling immer diverse Infekte grassierten? 

Kita mit Corona: weniger Gemeinschaft, mehr Intransparenz

Nun, irgendwie doch nicht ganz. Denn wo bis vor Ostern erst dreimal-, dann zweimal wöchentlich jedes Kita-Kind verpflichtend und auch ohne Symptome getestet wurde, wird das C-Thema bis auf das launige Plakat an der Tür jetzt offensichtlich tot geschwiegen. Komisch nur, dass die Erzieherinnen, die sehr wahrscheinlich, anders als wir Eltern, um das wahre Ausmaß der Verbreitung wissen, weiterhin Masken tragen. Dass wir Eltern die Kita weiterhin nicht betreten dürfen (obwohl unsere Kinder ja offensichtlich munter das Virus hinein- und hinaustragen…) und alle sozialen Aktivitäten außerhalb des absolut Notwendigen (Ausflüge, Feste etc.) weiterhin für Kinder wie Eltern auf ein Minimum reduziert sind. 

Dass das direkte Folgen hat, sehe ich nicht nur an meinem Sohn, der mir immer wieder abgeklärt erzählt, von dem ein oder anderen Streich unter Jungs bekämen die Erzieherinnen ohnehin nichts mit, die seien gar nicht mit im Raum (ob das aufgrund des offensichtlichen Personalmangels stimmt oder nicht – keine Ahnung. Jedenfalls wurde ich noch auf keine der Aktionen angesprochen und erfahre auf Rückfrage von Seiten der Erzieherinnen auch nur freundlich-vage, es sei „alles okay“…). Ich merke es auch daran, dass ich bis heute die Eltern seiner drei besten Freunde im Kindergarten gar nicht, bzw. lediglich von einem 5-Minuten-Gespräch mit Maske vor der Tür her kenne. Elternabende und gemeinsame Aktionen innerhalb des Kindergartens, bei dem es möglich wäre, Kontakte zu knüpfen, werden wegen der Pandemie offensichtlich nachwievor als zu gefährlich eingeschätzt. Dass sich so die Kontaktmöglichkeiten der Kinder drastisch reduzieren und auch der Austausch zwischen Eltern und Erzieher/innen sich auf ein Minimum beschränkt, mag keine Selbstverständlichkeit sein (unserem alter Kindergarten gelang diesbezüglich auch in der Hochzeit der Pandemie 2020/21 noch etwas mehr Transparenz), aber es wird durchaus befördert durch die strikte Vorgabe „Keine Eltern in Kita-Räumlichkeiten“, das rasche Abgeben an der Tür und die spürbare Überlastung der Erzieher/innen, die vermutlich ausreichend damit beschäftigt sind, zu zweit auf 20 wilde Jungs und Mädels zwischen 3 und 6 aufzupassen, daneben die jeweils aktuellen Schutzmaßnahmen umzusetzen und ein Mindestmaß an pädagogischer Förderung auf den Weg zu bringen. 

Chancengleichheit in Zeiten der Pandemie- wie, wenn Zeit und Ressourcen fehlen?

Für „Extras“, ausführliche Beobachtung und besondere Förderung einzelner Kinder, Elterngespräche, die Organisation von Festen und Aktionen, bleibt da so gut wie keine Zeit. Nüchtern und auf Elternseite auf Dauer ziemlich intransparent wird der Kita-Alltag dadurch. Für einen Sechsjährigen kurz vor der Einschulung mag das okay sein. Denke ich an unseren jüngeren, 1 1/2-jährigen Sohn, dessen Eingewöhnung in derselben Einrichtung bald ansteht, sieht das schon anders aus. Anders als bei unserem Großen werde ich bei ihm die Eingewöhnung voraussichtlich selbst begleiten, das heißt, ich lerne zumindest während dieser Zeit die Erzieherinnen, Kinder und auch Räumlichkeiten seiner Gruppe etwas kennen. Bis dahin ist das Ganze mehr oder weniger eine „Black Box“ für mich. Ein Umstand, der mir als Mutter bei so einem kleinen Kind gerade doch ein etwas mulmiges Gefühl bereitet. 

All das sind „Nebenwirkungen“ aktueller Corona-Politik, die wir in ihrem eigentlichen Ausmaß vermutlich erst in einigen Jahren wirklich erkennen werden. Wenn der eine Kita-Freund meines Sohnes, der bis heute nur gebrochen Deutsch spricht, dann z.B. auf der Werkrealschule statt im Gymnasium landet, weil die Sprachförder-AG und der Singkreis aus Infektionsschutzgründen gerade gestrichen und individuelle Förderung aus Zeit- und Personalmangel nicht möglich war… Oder wenn unser Sohn ab Herbst womöglich wieder mit Maske und Abstand in der ersten Klasse vor allem Leistung abliefern und funktionieren soll, die eigentliche Freude am Lernen und auch eine Vielfalt an Unterrichtsmethoden aber erneut der Maxime „Infektionsschutz First“ zum Opfer fällt. Denn dass wir – und auch meine Kinder – mit dem Thema Pandemie bis zum Herbst wirklich „durch“ sind, glaube ich inzwischen nicht mehr. Auch wenn gerade im Sinne der „3-Affen-Strategie“ nicht hinschauen, nicht hinhören, nichts fragen die Maxime der Stunde zu sein scheint und das Thema zumindest während der Sommermonate offenbar möglichst klein gehalten werden soll. 

Nachdenkliche Grüße, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen und Mutter eines Kindergarten- sowie eines Grundschulkindes.

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[Foto: Pixabay]

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