Familie, Gesellschaft

Druck und Vertrauen: Wie uns die Pandemie die Chance gibt, uns selbst treu zu bleiben (Teil 2/2)

Weißer Weg zwischen hohem Gras.

Teil 1/2: “Glück trotz Pandemie – Warum es klug ist, das Leben gerade jetzt zu genießen

Anfang Februar 2022 schreibt Anne Biermann, vierfache Mutter aus Nordrhein-Westfalen, einen „Brandbrief“ an NRW-Bildungsministerin Yvonne Gebauer und NRW-Familienminister Dr. Joachim Stamp. RP Online veröffentlicht Auszüge daraus. Die Mutter kritisiert scharf das „Hin und Her“ ständig wechselnder Verordnungen, die für Eltern wie Kinder zum Teil kaum noch umsetzbar seien. Anlass des Briefes ist eine abermalige Änderung des Ablaufs bei den Schultestungen in NRW: Bei einem positiven Pooltest der Klasse sollen die Eltern sich ab sofort selbst um einen zertifizierten Schnelltest ihrer Kinder kümmern, um diese „frei zu testen“.

Gute Führung schafft Vertrauen

„Wissen Sie wie schwierig es ist, [in den Testzentren] kurzfristig einen Termin zu bekommen?“, fragt die Mutter in ihrem Brief die Minister: „Sollen wir jetzt prophylaktich jeden Tag zum Bürgertest gehen, an denen ein Pool stattfindet? […] Auf das Ergebnis eines Pooltests warten wir oft bis zum nächsten Morgen. Bei zwei Schulkindern, die an unterschiedlichen Tagen getestet werden, bedeutet das konkret: Montag bis Donnerstag hoffen wir, dass bis sechs Uhr morgens am Folgetag kein positiver Pool vorliegt. Können sie sich vorstellen, dass das an den Nerven zehrt?“

Als zweifache Mutter kann ich die Wut und Überforderung der Verfasserin dieses „Brandbriefes“ nachvollziehen: Sie will die Vorgaben befolgen, alles „richtig“ machen und ihre Kinder und deren Klassenkamerad/innen bestmöglich schützen. Zugleich wird das geforderte Maßnahmenprozedere immer unübersichtlicher und schwieriger umzusetzen. Mich bringen ihre Sätze dazu, über (politische) Führung in dieser Pandemie nachzudenken sowie über den Zusammenhang zwischen guter Führung und Vertrauen. Was läuft hier schief in der Zusammenarbeit zwischen Familien, Bildungsträgern und der Politik? 

Die Mutter von vier Kindern im Kleinkind- bis Grundschulalter findet klare Worte: „Wir [Eltern] sind frustiert, müde, kaputt, mit den Nerven am Ende und wütend. Nichts ist mehr planbar, wir sind in einem Dauerstressmodus gefangen und werden immer wieder vertröstet“ und: „Wann beginnen Sie darüber nachzudenken, ob diese Maßnahmen unseren Kindern vielleicht doch mehr schaden als nutzen? Wann kommt eine klare Linie in diesem Dschungel aus Maßnahmen, wann wird rechtzeitig informiert? Wie kann es sein, dass nach zwei Wochen optimiertem Testverfahren in den Grundschulen und einer Woche Pooltest in den Kindergärten festgestellt wird, dass die Labore nicht genügend Kapazitäten haben? Wäre es nicht sinnvoll, erst die Kapazitäten zu überprüfen und dann die Maßnahmen anzupassen?“ Die Omikron-Variante mit milderem Krankheitsverlauf mache die Zeit reif, auch in Bezug auf die Maßnahmen und deren Angemessenheit nachzudenken, regt die Verfasserin des Briefes an: „Warum nicht auf das Altbewährte zurückgreifen: Wer krank ist, bleibt zu Hause und testet sich, anstatt Woche für Woche Klassen und Gruppen auseinanderzureißen.“ 

Druck erzeugt Gegendruck – Was ist die Alternative? 

Mir erscheinen die Kritikpunkte dieser Mutter durchaus als berechtigt. Und sie erinnern mich an Situationen, die ich selbst immer wieder in meinem Berufsalltag als Lehrerin erlebt habe: wo zwischen Lehrenden und Schüler/innen Vertrauen bestand, entstand auch die Bereitschaft zu gegenseitiger Rücksichtnahme sowie dazu, selbst schwierige Situationen gemeinsam zu (er-) tragen. Im Umkehrschluss erzeugten Intransparenz, in sich widersprechende oder als willkürlich empfundene Vorgaben und Druck kurzfristig Anpassung und  Gehorsam – langfristig aber immer Unzufriedenheit, Distanz und (offenen oder versteckten) Widerstand. Druck erzeugt Gegendruck – eine Wahrheit, die sich nicht nur in der pädagogischen Arbeit zeigt. Was aber kann die Alternative sein? 

Am besten wäre wohl, dass diejenigen, die mit ihren Entscheidungen unseren Alltag und den unserer Kinder beeinflussen, das Vertrauen in ihre Weitsicht und Kompetenz wieder herzustellen. An wen richtet sich dieser Appell? Einerseits natürlich an Politikerinnen und Politiker, Vertreter/innen von Institutionen und Einrichtungen. Aber auch an uns Eltern selbst. Betrachte ich den oben zitierten „Brandbrief“, zeigt sich darin Wut und der Wunsch nach Veränderung, aber auch das Gefühl, den aktuellen Maßnahmen und Verordnungen mehr oder weniger hilflos ausgeliefert zu sein. Das aber ist in einer Demokratie nicht der Fall. 

Vertrauen als Kompass meines Handelns

Zur Erinnerung: Abstandsgebote, Hygienevorschriften und Quarantäneverordnungen, regelmäßige Tests und die wiederholten Impfungen gegen Covid-19 haben eigentlich nur einen Zweck – und damit eine Legitimation: die Pandemie einzudämmen und möglichst viele Menschen vor einer Infektion, beziehungsweise einem schweren Verlauf der Erkrankung zu schützen. Sie sind kein Selbstzweck und dürfen auch nicht einfach prophylaktisch oder gar gewohnheitsmäßig aufrechterhalten werden. 

Schlimm genug, dass seit mittlerweile fast sechs Monaten komplett gesunde Menschen von Veranstaltungen und wichtigen Bereichen des sozialen Lebens ausgeschlossen werden, wenn sie die Immunisierung gegen Covid-19 nicht in Anspruch nehmen. Schlimm genug, dass ganze Familien, wie der zitierte Brief zeigt, durch vielerorts schlecht organisierte Testungen und die damit verbundene Unsicherheit an den Rand ihrer Kräfte gebracht werden. Dass gesunde Menschen zum Teil wochenlang aufgrund von Quarantäneverordnungen ihrer Arbeit nicht nachgehen und noch nicht einmal das Haus verlassen dürfen, weil Familienangehörige positiv auf Covid-19 getestet wurden. Dass umgekehrt ausgerechnet in der Pflege Menschen während der Pandemie mit eigenem positivem Test weiter arbeiten mussten, da der extreme Personalmangel ihre Mitarbeit vermeintlich unumgänglich machte. Dass Impfquoten von 80 oder 90 Prozent zu absoluten Zielen ernannt werden, weitgehend unabhängig davon, ob diese Quote eine Wirkung in Bezug auf die Zahl der Neuinfektionen zeigt. Dass schließlich 2G und 3G vom epidemischen Notstand entkoppelt und – vorerst bis Mitte März 2022 – zur Dauerregelung erhoben werden, unabhängig von der tatsächlichen Belastung der Krankenhäuser und Intensivstationen [Nachtrag 10.2.22: Der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg erklärte dies übrigens zuletzt für Universitäten und den Einzelhandel offiziell als rechtswidrig. Seit 09.02.22 sind Hochschulen und Läden nun wieder für alle zugänglich]. Und dass Menschen, die bereits geboostert sind, sich Impfunverträglichkeitsbescheinigungen ausstellen lassen, um länger als zwei bis drei Monate den begehrten 2G-Status behalten und damit Veranstaltungen und Restaurants besuchen zu können. Letzteres leider kein Scherz, sondern ein Fall aus meinem eigenen entfernten Bekanntenkreis. 

Dass alles sind Widersprüche und Ungereimtheiten bis hin zu handfester Diskriminierung, die sicher nicht dazu beitragen, das Vertrauen und die Kooperationsbereitschaft breiter Teile der Bevölkerung zu erhalten. 

Was kann ich selbst in dieser Situation tun? 

Das Anprangern politischen Versagens wie im zitierten Brief ist sicher ein Weg. Eigenes politisches Engagement in Form von Petitionen, der Teilnahme an Demonstrationen, dem Anschreiben von Abgeordneten oder der Übernahme eines (kommunalpolitischen) Amtes ein anderer. Wie aber befreien wir uns zuallererst von dem Gefühl, der Pandemie und all den sie inzwischen begleitenden Maßnahmen hilflos ausgeliefert zu sein? Ich würde sagen, indem wir (wieder) beginnen, selbst nachzudenken und nachzufragen. Vorschriften zwar einhalten, aber auch immer wieder kritisch zu hinterfragen. In Austausch mit denjenigen zu treten, die unseren Alltag durch ihre Entscheidung bestimmen. Unsere Zweifel benennen und nach Wegen zu suchen, wie wir das, was uns wichtig ist, trotz Einschränkungen leben können. Wie wir vor allem auch uns selbst treu bleiben können. 

Das erfordert Selbstvertrauen, innere Stärke und auch eine gute Fähigkeit zur Abgrenzung. Aber was ist die Alternative? Was wir im Außen befolgen sollen ist in vielerlei Hinsicht so widersprüchlich, nicht durchdacht und zum Teil sogar schädlich, dass wir uns einfach nicht brav davon vereinnahmen und völlig verrückt machen lassen dürfen. Ist das ein Aufruf zu (zivilem) Ungehorsam? Soweit würde ich nicht gehen. Aber es ist sicher ein Aufruf dazu, aktiv zu fragen: Was schützt – und nützt – uns und anderen tatsächlich und was schadet und belastet unsere Kinder und uns selbst mehr, als dass es wirklich hilft?

Hierüber in Austausch zu treten und für wirklich Hilfreiches und für uns Stimmiges auch einzutreten sehe ich als unsere Aufgabe in der jetzigen Phase der Pandemie. Auch und gerade als Eltern und mit Blick auf unsere Kinder.

Eure Meinung interessiert mich!

Mich interessiert, wie ihr das seht: Fühlt ihr euch aktuell ähnlich belastet wie die Autorin des zitierten „Brandbriefes“? Und was tut ihr persönlich, um euch im „Maßnahmen-Dickicht“ nicht zu verlieren? Passt ihr euch an? Werdet ihr politisch aktiv? Seid ihr zufrieden mit der derzeitigen Pandemiepolitik?

Ich freue mich auf eure Kommentare, hier im Blog, oder auch auf Facebook oder Twitter

Herzlichen Gruß, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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3 Gedanken zu „Druck und Vertrauen: Wie uns die Pandemie die Chance gibt, uns selbst treu zu bleiben (Teil 2/2)“

  1. Ein meiner Meinung nach auch interessanter Beitrag zum Thema: der Kommentar der Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski (https://www.spiegel.de/kultur/coronavirus-wuetende-gruesse-vom-krankenbett-kolumne-a-6a48ecbf-fcf9-4154-aab8-4b8d2846d3b7).
    Zitat daraus: „Was mich wütend macht, ist, dass wir jetzt sehr lange über eine »Spaltung der Gesellschaft« zwischen Coronaleugnern/-verharmlosern und allen anderen geredet haben, während die anderen Spaltungen, die wesentlich dramatischer sind, unter den Tisch fallen: die Spaltung zwischen denjenigen, die eine Infektion gut wegstecken können und denen, die das nicht können. Oder die Spaltung zwischen denen, die sich locker zu Hause isolieren können und denen, die alte oder kranke oder behinderte Menschen pflegen und nicht so leicht ersetzt werden können. Oder die Spaltung zwischen denen, die auf die aktuellen Infektionszahlen mit einem zynischen »jetzt ist auch egal« reagieren und denen, die längst völlig jenseits der Grenze ihrer Kräfte sind, zum Beispiel Eltern oder Risikopatient*innen oder Pflegekräfte oder Angehörige von Schwerkranken. Oder die Spaltung zwischen denen, denen die Pandemie finanziell kaum schadet und denen, die längst ihre Ersparnisse aufgebraucht haben, weil sie nicht so arbeiten können wie vorher.
    Tja, wohl wahr… aber diese Spaltungen sind nicht (allein) virusbedingt, sondern einer Politik geschuldet, die in den letzten zwei Jahren zahlreiche epidemiologisch wirkungslose und sozial bedenkliche Maßnahmen zu verantworten hat und deren Gleichgültigkeit den wirklich Schwachen gegenüber mich immer wieder schockiert. Wie die Autorin richtig schreibt: es verläuft eine Spaltung zwischen denen, denen die politischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie kaum etwas ausmachen oder die sogar wirtschaftlich davon profitieren und denen, denen sie sozial, wirtschaftlich und gesundheitlich schaden. Das zu benennen und auch zu kritisieren, ist mehr als überfällig.

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  2. Und ein weiterer interessanter Artikel des Vorstandsvorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV): https://www.rnd.de/politik/kbv-chef-andreas-gassen-zu-corona-tests-das-massenhafte-testen-bringt-derzeit-nur-wenig-HMRTJ2LCM5EBJFFRTP5NPMYF3A.html. Zitat: „Angesichts der hohen Omikron-Fallzahlen bei einer geringen Krankheitsschwere benötigen wir eine neue Teststrategie. Die rund 250.000 offiziellen Neuinfektionen pro Tag sind nur die Spitze des Eisbergs, dazu kommt eine Dunkelziffer in mindestens ähnlicher Höhe. Gleichzeitig bleibt die Auslastung der Intensivstationen auf einem überschaubaren Niveau. Auch in den Praxen erleben wir oft Patienten, die von einem positiven Testergebnis völlig überrascht werden, weil sie keinerlei Symptome haben und fit sind. Da stellt sich doch die Frage der Sinnhaftigkeit der Tests. Es macht perspektivisch und medizinisch wenig Sinn, täglich Millionen von Menschen anlasslos zu testen, wenn am Ende gegebenenfalls eine für das Individuum ungefährliche Infektion festgestellt wird. Aufwand und Nutzen stehen in keinem angemessenen Verhältnis mehr. Bei einer Grippewelle machen wir das ja auch nicht. Das massenhafte, unkontrollierte Testen bindet Kapazitäten und kostet viel Geld, bringt aber derzeit nur wenig. Die Schweden haben das richtigerweise erkannt und das Testen weitgehend eingestellt. Auch wir brauchen wieder eine rationale Herangehensweise.
    Wir müssen aufhören, Kindern und Jugendlichen in den Kitas und Schulen tagtäglich belastende Tests zuzumuten und sie mit unverständlichen Quarantäneregeln zu drangsalieren. Wir machen den Kindern und Eltern damit doch das Leben schwer. Regelmäßige Antigentests und insbesondere PCR-Tests sind letztlich nur noch bei besonders gefährdeten Menschen, beim medizinischen und pflegerischen Personal und bei Beschäftigten in der kritischen Infrastruktur notwendig, aber sicher nicht bei Symptomlosen.“

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