Familie, Gesellschaft

Solidarität, die einschließt, statt Barrieren zu schaffen

Kind in Rollstuhl mit Beatmungsgerät schaut lachend auf ein Pferd, das sich zu ihm beugt.


Ich habe zwei Kinder. Sie sind wild, neugierig, liebevoll, übermütig, verhalten sich manchmal so, dass ich am liebsten weglaufen würde und dann wieder so, dass mein Herz weit aufgeht. Und sie sind beide ohne schwere Erkrankung oder Behinderung auf die Welt gekommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Noch dankbarer wäre ich aber, wenn körperliche und seelische Einschränkungen in unserer Gesellschaft nicht immer noch fast automatisch zu Ausgrenzung, Benachteiligung und sozialer „Behinderung“ führen würden. Denn behindert, beziehungsweise am selbstbestimmten und gleichwertigen Leben gehindert, werden Menschen mit Handicap oft gar nicht in erster Linie durch ihre körperlichen oder seelischen Einschränkungen, sondern dadurch, wie unsere Gesellschaft auch 2021 mit allem, was von der Norm abweicht, umgeht.

Beeindruckende Plakataktion

Der Verein #rehaKind hat nun eine Plakataktion gestartet, die Menschen mit Behinderung als das zeigt, was sie eben sind: Mitglieder unserer Gesellschaft mit Beruf, Familie, Hobbies und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten, unbehinderten Leben.

Plakat „rehaKind“. Menschen mit Behinderung zeigen sich als „ganz normale“ Mitglieder der Gesellschaft mit Familie, Hobby, Beruf und Freundeskreis.

Das überhaupt erwähnen, beziehungsweise durch eine solche Aktion sichtbar machen zu müssen, ist für ein Land, das aktuell (noch?) von einer „christlich-sozialen“ Regierung geführt wird, eigentlich ein Armutszeugnis.

Bedauerlicherweise hat jedoch genau diese Regierung, die sich in anderem Kontext „Solidarität“ geradezu penetrant auf die eigenen Fahnen schreibt, gleich mehrere Gesetze zu verantworten, die die Rechte von Menschen mit Behinderung und deren pflegenden Angehörigen beschneiden und ihren Alltag erschweren, statt ihn zu erleichtern. Die geplante Kürzung der Zuschüsse zur „stundenweisen Verhinderungspflege“ gehört ebenso dazu wie die Gesetzesänderung für Menschen, die auf außerklinische Intensivpflege angewiesen sind, also zum Beispiel dauerhaft beatmet werden müssen und nun nur noch nach eingehender Prüfung in ihrem eigenen Zuhause gepflegt werden dürfen.

Freiheit und Selbstbestimmung für alle Menschen

Warum ich das als „Nicht-Betroffene“ hier im Blog thematisiere? Weil Freiheit und Selbstbestimmtheit für mich persönlich und gesellschaftlich ein hohes Gut sind und ich mir genau diese (Wahl-) Freiheit auch für Menschen mit Behinderung wünsche. Statt Bittsteller*innen sein zu müssen im Dauerstreit mit Krankenkassen, Sozial- und Pflegediensten um Leistungen, die ihnen überhaupt ein menschenwürdiges Leben ermöglichen, muss klar sein: Unsere Gesellschaft ist für alle da – und Diskriminierung beginnt auch dort, wo ein*e Sachbearbeiter*in mir mit einem Federstrich aus “ökonomischen Gründen“ wichtige Hilfsmittel oder den Zugang zu einem mich erfüllenden Beruf verwehren kann.

Solidarität, die Menschen aus- statt einschließt, ist das Papier nicht wert, auf dem sie beschworen wird. Und bloß dadurch, dass ich als Mensch mit Behinderung geboren werde – oder, wie zum Beispiel Schauspieler und Autor Samuel Koch innerhalb weniger Sekunden nach einem schweren Unfall dazu werde – möchte ich nicht den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben abgeben. Um diese Tatsache, die eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, in Erinnerung zu rufen, ist eine Aktion wie die oben genannte wichtig. Für echte Solidarität, die Menschen einschließt, statt zwischen ihnen (weitere) Barrieren zu errichten!

Herzlich, Sarah Zöllner

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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[Fotos: rehaKind e.V.]

5 Gedanken zu „Solidarität, die einschließt, statt Barrieren zu schaffen“

    1. Gern!🙂 Ein wichtiges Thema. Ich hoffe, es erhält dadurch ein Stück weit mehr die Aufmerksamkeit, die es verdient. Leider haben Menschen mit Behinderung, ebenso wie z.B. auch pflegende Angehörige oder Eltern, die als Alleinerziehende allein für ihre Kinder sorgen, oft wenig Zeit und Kraft, um selbst für ihre Rechte einzustehen. Umso wichtiger meiner Meinung nach Aktionen wie diese!

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