Familie, Persönliches

Bewegung. Stillstand. Bewegung. Gedanken zum Wochenbett

Es liegt wieder ein kleiner Mensch in meinem Arm. Kein Fünfjähriger, der kurz darauf aufspringt und mit seinen gesammelten Stöcken gegen Drachen kämpft – nein, dieser hier ist in beeindruckender Weise auf seine grundsätzlichen Bedürfnisse beschränkt. Hunger, Durst, der Wunsch nach Wärme und Nähe, dazwischen das – manchmal quälende – Rumoren im Bauch. Er ist nicht Er und Ich bin nicht Ich in seiner Welt. Vielmehr verschwimmt ihm alles zu einem Meer an Sinneseindrücken, wohlige und weniger angenehme; je nachdem, was überwiegt, wird geschmatzt, konzentriert nachgespürt oder wütend gebrüllt… 

Bewegung. Stillstand. Bewegung

Mein Leben mit ihm wird zyklisch. Von Aktivität erfüllt  und doch in der immer gleichen Wiederholung: Stillen, Wiegen, Wickeln, Schlafen, Stillen. Kein Wunder, fällt es uns berufstätigen, an Zielen und Erfolgen orientierten, Menschen oft schwer, uns auf dieses archaische Nähren und Behüten in den ersten Wochen und Monaten mit einem Säugling einzustellen. Hier sind wir dauerhaft, tatsächlich Tag und Nacht, gefordert, ohne dass zunächst sichtbar viel „voran geht“. Zumindest in den ersten Wochen kommt noch nicht einmal ein Lächeln zurück. Die Bewegungen sind subtiler, ein feines Netz des wachsenden Verständnisses füreinander. Ach, das meint er mit der ruckartigen Bewegung des Köpfchens. Darum weint er und diese Bewegung lässt ihn zufrieden zur Ruhe kommen… 

Wer diese Annäherung in feinsten Schritten nicht hautnah miterlebt, weil ihn oder sie schon nach ein bis zwei Wochen wieder berufliche Aufgaben fordern, tut sich erst einmal wohl schwerer, die Zeichen zu lesen, die der kleine Mensch von Anfang an sendet und vielleicht auch, sie mit zärtlichem Wohlwollen zu verfolgen. Das führt dann zu der hilflosen Frage „Was hat er?“ und der gegebenenfalls scharf zurückgegeben Antwort „Finde es raus!“ Denn – Tatsache – sowohl Müttern als auch Vätern ist das Verständnis für einen Säugling möglich (auch wenn das jahrhundertealte Diktum der „Mutterliebe“ etwas anderes suggeriert). Es beruht auf hundertfacher Wiederholung, Versuch und Irrtum und der durch Liebe geförderten Bereitschaft, von diesem kleinen Wesen zu lernen. Denn gerade ganz am Anfang zeigt es uns unverfälscht, was wir ihm geben können: unsere Zeit, Präsenz und liebevolle Nähe. 

Das Privileg des Wochenbetts

Ein archaischer Begriff, das „Wochenbett“, steht für diese ersten Wochen, die im besten Fall tatsächlich dem gegenseitigen Kennenlernen und Verstehen gewidmet sind. Als Mutter – und Vater – begreifen wir: wir sind, bei einem zweiten Kind gegebenenfalls noch einmal neu, die ganze Welt für dieses kleine Wesen. Das ist erschreckend oder beglückend, überfordernd oder erfüllend, je nachdem, wie wir dazu stehen, für unser Kind so essentiell wichtig zu sein. Keiner Mutter und keinem Vater ist ein Vorwurf zu machen, wenn er oder sie sich von dieser Verantwortung zeitweise überfordert fühlt.  Und jeder ist willkommen, der die jungen Eltern statt mit rasch gekauften Geschenken mit Interesse und praktischer Hilfe unterstützt. 

Das vergessen wir vielleicht, wenn wir das Glück der jungen – oder auch um ein weiteres Mitglied gewachsenen – Familie – beschwören. Wie jede wirklich große Veränderung ist auch diese mit „Wachstumsschmerzen“ verbunden. Sei es, dass das Geschwisterkind statt mit Freude mit Gleichgültigkeit oder gar Wut auf den Bruder oder die Schwester reagiert. Der Partner vielleicht nicht weiß, welche Aufgabe er zuerst übernehmen soll und sich letztlich von allem überfordert fühlt und auch die Mutter und sogar der jüngste Mensch in diesem Gefüge sich erst neu orientieren müssen. Manches geht instinktiv und intuitiv, aber leicht ist es deswegen nicht, die Ruhe auch in Nächten fast ohne Schlaf zu bewahren, die körperlichen Anstrengungen der Geburt zu verarbeiten und dabei von Anfang an so umfassend für das eigene Kind – oder die eigenen Kinder – da zu sein. 

Verständnis, Geduld und Nachsicht helfen, die „Knoten“ zu entwirren. Und wenn es einmal nicht weiterzugehen scheint, sich die Probleme scheinbar nicht lösen lassen, auch gern der Blick und die Hilfe von außen. 

Die Welt, die dich erwartet, mein Kind

Die Welt aber, mit ihren Neuigkeiten und (Schreckens-) Meldungen, darf für ein paar Wochen getrost „draußen“ bleiben – sofern wir denn das Glück und Privileg haben, in sicherem und geborgenem Umfeld das Wochenbett erleben zu dürfen. Das ist ja nicht selbstverständlich und alle Dankbarkeit wert. Mütter und Väter in Flüchtlingslagern an den Grenzen der EU, in Kriegs- und Krisengebieten, stellen sich gerade nicht die Frage nach der besten Windelmarke oder dem idealen Rückbildungskurs, sondern bangen womöglich um das Überleben ihrer Kinder. Und fast jeder kennt in seinem näheren oder weiteren Umfeld eine Familie, die ein Kind hat, das nicht gesund geboren wurde oder schwer erkrankt ist. Es ist ein Glück und Privileg, wenn wir von so essentiellen Sorgen verschont bleiben

Die Welt, die dich erwartet, kleines Kind, ist widersprüchlich und verwirrend, wunderschön und zugleich verstörend brutal. Gut, dass du dich ihr noch nicht stellen musst, dass dein Leben gerade noch aus Nähe und Wärme, Schlaf, Hunger, Durst und wieder Schlaf besteht. Ich werde dich – hoffentlich – noch ein ganzes Stück weit auf deinem Weg in diese Welt begleiten. Soll ich versuchen, dich vor ihr zu schützen? Soll ich versuchen, dir Wege zu zeigen, wie du dich in ihr behaupten kannst? Was weiß denn letztlich ich über das Leben? Ein Stück weit führst du mich allein durch dein Dasein zurück zu dem, was grundlegend ist zwischen all dem Schönen und Verstörenden da draußen: Liebe und Zeit für dich. Wertschätzung und Präsenz. Den Rest des Weges wirst du – mit uns, deinen Eltern, mit deinem großen Bruder, später deinen Freunden, deiner Partnerin oder deinem Partner – selbst gehen. Wir sind da. Es ist dein Weg!

Herzlich, Sarah 

PS. Dass ich heute diesen Beitrag schreiben würde, hätte ich vor inzwischen 3 1/2 Jahren, nach der Trennung vom Vater meines damals 1 1/2-jährigen Sohnes, auch nicht gedacht… Es zeigt mir: nichts im Leben ist endgültig, der Wandel zum Positiven ist immer möglich.

[Foto: privat]

4 Gedanken zu „Bewegung. Stillstand. Bewegung. Gedanken zum Wochenbett“

    1. Vielen Dank, liebe Christina! Ja, das tue ich – Schlafmangel, Babyspucke, innige Zärtlichkeit und dann wieder momentelang alles zuviel… tatsächlich eine besondere Zeit! Hätte ich vor drei Jahren auch nicht gedacht, dass ich das nochmal erlebe. Das Leben ist und bleibt eben voller Überraschung und Wandel!🙂

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