Familie, Gesellschaft, Persönliches

Der Corona-Langzeiteffekt: Was macht das Virus emotional mit uns?

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Ich bin erleichtert: nach fast drei Monaten durfte unser Sohn heute zum ersten Mal wieder in den Kindergarten. Ich war, ehrlich gesagt, ziemlich aufgeregt und sogar ein bisschen wehmütig: tatsächlich hatte ich mich während der letzten Wochen an das intensive Zusammensein mit ihm gewöhnt und fand es, wenn ich nicht gerade völlig überfordert war, auch schön. Wie würde sein Start in der Einrichtung verlaufen? Klare Hygieneregeln vor Ort, kein mitgebrachtes Kuscheltier mehr, wir Eltern würden den Kindergarten beim Bringen und Abholen nicht mehr betreten dürfen – das alles war uns vor dem ersten Kita-Tag mitgeteilt worden. Und dann war doch alles leichter als gedacht.

Mein Sohn entdeckte einen seiner besten Freunde, der zufällig zur selben Zeit wie er gebracht wurde – und weg war er. Ein flüchtiges „Tschüss, Mama!“ in meine Richtung und ein herzliches Lächeln der Erzieherin, die an der Tür mit Gesichtsvisier seinen in der Eile vergessenen Rucksack entgegennahm. Wir klärten die Bring- und Abholzeiten für die Woche, aus dem Gruppenvorraum winkte mir die zweite Bezugserzieherin der Gruppe freundlich zu. Ich lächelte hinter meinem Mundschutz, winkte zurück und war herzlich froh, dass die beiden bei aller Besonderheit der Situation so „normal“ und in vertrauter Weise herzlich waren. Frohen Herzens konnte ich mein Kind in ihre Hände geben.

Was machen Hygienevorschriften, Abstandhalten und Co emotional mit uns?

Zurück zu Hause denke ich darüber nach, wie unterschiedlich die Menschen in meinem Umfeld auf die im Grund weiterhin bestehende Ausnahmesituation reagieren. Vor einigen Tagen habe ich selbst zum ersten Mal auswärts in einem Lokal zu Mittag gegessen. Die Tische weit auseinandergestellt, der Weg zur Toilette ein abgesteckter Parcour, auf dem Weg zum Sitzplatz Mundschutzpflicht. Zum Kaffee der Zucker in Einwegtütchen, ansonsten am Platz aber alles relativ „normal“. Pärchen, die sich plaudernd und ohne jede Gesichtsbedeckung gegenübersitzen, der Kellner, lässig ein Tuch vor Mund und Nase, macht mit uns seine Scherze. Im Laden nebenan genauso: Menschen mit routiniertem Griff in Jacken- und Hosentasche – beim Betreten des Geschäfts wird das Stoffstück vor die Nase gezogen, beim Verlassen des Ladens wandert es wieder in die Tasche. Vermutlich habe ich seit dieser Woche Schnupfen, weil ich mir auf diese Weise etwa 20x häufiger mit ungewaschenen Händen ins Gesicht fasse, als ich es ohne das Maskenauf- und Absetzen täte.

Eine Freundin reagiert höchst angespannt, als ich mich in ihrer Gegenwart einmal innerhalb einer Stunde schnäuze, andererseits knäult sie ihren gerade getragenen Mundschutz mit ungewaschenen Händen zusammen, zieht ihn wenig später wieder an und erklärt freimütig, sie habe ihn seit einer Woche nicht mehr gereinigt…

Eine andere Freundin verlässt nachwievor nur stundenweise ihren Vorort und auch nur mit privatem PKW. Seit Beginn der Epidemie haben wir uns genau einmal gesehen. Nun ja, jeder lebt sein Leben, geht in der Weise auch mit den Risiken des Lebens um, wie es ihm entspricht…

Ein gemischtes Fazit also: Gelassenheit und ein pragmatisches Sich-Arrangieren mit den neuen Umständen einerseits, weiter extreme Vorsicht andererseits. In der Millionenstadt Köln sind, Stand 8. Juni, 12 an Corona Erkrankte in stationärer Behandlung. Es gibt laut offizieller Information der Stadt 2506 bestätigte Fälle, davon sind 2361 bereits als geheilt entlassen. Heißt das knapp 150 offiziell Erkrankte?

Zahlen, Zahlen… Ein bisschen das Ganze wie ein Spuk. Mich erinnert das Gefühl an den ersten Spaziergang nach der Geburt unseres Sohnes: ein bisschen wacklig auf den Beinen, Verwunderung, wie „normal“ alles erscheint, wo sich das eigene Leben doch um 180 Grad gedreht hat, vorsichtige Zuversicht.

In drei Stunden hole ich meinen Sohn wieder vom Kindergarten ab. Mal sehen, was er berichten wird – aus der Post-Coronawelt!

Herzlichen Gruß, Sarah

[Foto: privat]

 

 

2 Gedanken zu „Der Corona-Langzeiteffekt: Was macht das Virus emotional mit uns?“

  1. Verrückt, einfach nur verrückt. Ich hoffe es ist alles nur ein Level bei Super Mario in irgendeiner Scheinwelt und ich gelange bald durch einen Tunnel wieder nach oben. Puh, geschafft: endlich wieder normale Menschen.

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    1. Ein paar Normale habe ich schon gesichtet…😉 Ansonsten gilt wohl weiter, aufmerksam bleiben, in gutem Sinne kritisch und doch grundsätzlich vertrauensvoll. Und nicht allem glauben, was tagtäglich so durch die Medien geistert.

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