Gesellschaft, Persönliches

Auch das ist Corona…

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Morgens kurz vor neun: Mitten in Köln ist es so leise, dass ich bei geöffnetem Fenster die Vögel höre. Ab und an die Schritte eines vereinzelten Joggers. Minutenlang kein vorbeifahrendes Auto, nur das leise Klingen eines Windspiels, dessen Stäbe der Wind bewegt.

Mein Sohn lernt innerhalb eines Tages Radfahren und flitzt nach einer Stunde schon die ersten Hänge hinunter. So viel Zeit miteinander! Wir stehen zunächst um 6 Uhr auf wie immer, aber von Tag zu Tag lassen wir uns etwas mehr Zeit. Keine Termine am frühen Morgen. Kein Kindergarten, der um neun Uhr die Tore schließt und den wir davor erreichen müssen. Keine Arbeit, bei der ich pünktlich zu einer gewissen Uhrzeit erscheinen muss. Ein bisschen fühlt sich die Ruhe morgens wie Urlaub an.

Lebenskraft des Frühlings

Der Frühling drängt überall hervor. Pure Lebenskraft: leuchtend blau der Himmel, überall gelbe und weiße Knospen, zartgrünes Laub. Die Luft ist gegen Mittag bereits lau, leuchtende Krokusse, über die Wiesen verstreut. Gelbe und weiße Osterglocken drängen sich am Wegrand. Wunderschön!

Auf den Gehwegen der Stadt herrscht eine neue Rücksichtsnahme. Die Menschen drängeln mit ihren Einkaufstüten nicht mehr aneinander vorbei. Kein Geschubse und Gerempel. Statt dessen lässt man sich den Vortritt, wenn der Weg den Mindestabstand von 1,50m nicht erlauben würde. Oft geschieht dies mit einem Lächeln, manchmal sogar mit einer netten Bemerkung: „Bitte, gehen Sie zuerst!“ Jetzt, wo alle zuhause bleiben müssen und wirklich nur noch zum Nötigsten nach draußen gehen, ist mehr Platz auf den Straßen. Durchaus angenehm.

Der Hai, der gegen Miethaie singt

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Auf einem Balkon hat sich ein Anwohner nicht des Klatschens für Pflegekräfte angenommen. Statt dessen singt er, als Hai verkleidet, lautstark „op Kölsch“ gegen den städtischen Mietwucher an. Der Hai gegen die Miethaie, ja, ja… Unabgesprochen bleiben einzelne Passanten stehen, brav nur zu zweit und mit Mindestabstand. Eine Frau verteilt an sie den Liedtext, ein umgedichtetes Karnevalslied, die ersten singen mit. Ein Mann erklärt mir ungefragt, ebenfalls im breitesten Kölschen Platt, dass er die Sache an sich gut finde, „aber das Gejaule gehe jetzt so jeden Tach“. Das halte man als Nachbar ja nicht aus. Ja, so kenne ich meine Stadt. Ein bisschen distanzlos, eine Prise Anarchie und Humor. Mit einem Lächeln gehe ich weiter.

Und auch das noch: nach einem Einkauf mit Kind und Rad will ich eigentlich nur kurz noch in einen weiteren Laden, lehne das Rad an eine Wand. Es kippt, in den Tüten zerschellen Tomatensoße im Glas und eingelegte Kirschen. Riesensauerei. Ich wische den Boden und versuche, zu retten, was an Eingekauftem noch nicht soßendurchtränkt ist. Mein Sohn wartet geduldig. Da bleibt eine Frau mit ihrer Tochter neben mir stehen, zieht ihre eigene Einkaufstüte aus Stoff aus der Tasche und meint: „In irgendwas müssen Sie die Sachen ja nach Hause tragen.“ Ich danke erstaunt. Und verspreche, die Tüte gereinigt im Laden nebenan in einigen Tagen zu hinterlegen, so dass sie sie wieder an sich nehmen kann.

Neuland in jeder Hinsicht

Ja, die Zeiten gerade eröffnen Neuland im Umgang miteinander. Nachbarn begegnen sich nach Jahren auf einmal wieder auf dem Balkon, denn die meisten sind gezwungenermaßen zuhause. Mehr Zeit für viele, oder zumindest ist die Zeit freier einteilbar geworden. Alle Cafés und Restaurants bleiben geschlossen; diejenigen, die keinen haben, mit dem sie sich in die Sonne setzen können oder auch einfach nicht das Geld dazu, gehen allein wie immer spazieren. Aber da viele jetzt allein oder zu zweit unterwegs sind, fühlt sich das ganz gut an.

Menschen kommen ins Gespräch und nicht immer sind es die Katastrophenmeldungen, die zum Small-Talk werden. Der für alle veränderte Alltag ist es. Da er für alle ungewohnt ist, hat er direkt etwas Verbindendes.

Tja. Die Welt ist auch in diesen Zeiten nicht schwarz und weiß. Sondern leuchtend blütengelb und hellblattgrün. Braun wie die Kackhäufchen am Straßenrand in der Stadt und dunkelblau wie die Uniformen der Ordnungshüter, die in den Parks Menschen Bußgelder für das Sitzen am Rand von Spielplätzen erteilen. Rot wie die Erdbeeren aus Spanien, die immer noch in den Regalen der Supermärkte zu finden sind. Und unsichtbar wie die Angst – und die Hilfsbereitschaft, die überall zu spüren ist. Wie die Vorsicht und die plötzlich hervorbrechende Herzlichkeit.

Ja, es sind besondere Zeiten gerade.

Herzlichen Gruß, Sarah

2 Gedanken zu „Auch das ist Corona…“

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