
Der Social-Media-Post eines jungen iranischen Mannes, der sich darüber wunderte, dass ein deutscher Freund ihm ein „spontanes“ Treffen zwei Monate später vorschlug, brachte mich dazu, darüber nachzudenken, wie ich selbst diese kulturellen Unterschiede erlebe. Auch im Kontext Familie. Und ja – Verabredungen unter deutschen Müttern sind… nun ja, planungsintensiv. Finde sogar ich, als Deutsche.
Keine Zeit – ich kenne das!
Mein eigener Alltag ist voll. Oft habe ich über Tage kaum eine Minute Zeit für mich. Wenn meine Kinder schlafen, in Schule oder Kindergarten oder bei ihrem Vater sind, arbeite ich entweder oder bin so erschöpft, dass ich nur noch scrollend im Sessel sitze.
Aber ja, manchmal gibt es diese Sternstunden: Ein Wochenende, das sich frei und unverplant vor mir auftut. Voller Möglichkeiten. Ich könnte es nutzen, um wegzufahren, liebe, langjährige Freunde zu besuchen und damit wahr werden lassen, wovon wir ständig sprechen: dass wir uns bald wieder sehen wollen.
Aber – oha: Der Plan wird an einem scheitern: Das Wochenende ist in drei Tagen, nicht erst in drei Monaten.
… Oder doch spontan ein Treffen?
„Ich würde mich in den Zug setzen, drei Stunden zu dir fahren, um dich für einen Kaffee zu treffen. Hast du Zeit?“
„Leider nein. Ich muss meinen Garten nach dem Urlaub auf Vordermann bringen.“
„Leider nein, wir feiern Kindergeburtstag, dafür halten wir uns das ganze Wochenende frei.“
„Wir sind in Urlaub, aber gern Anfang September.“
Und es ist, wie gesagt, nicht so, dass ich das nicht selbst kenne. Auch mein Alltag „rauscht“ oft vorbei und plötzlich sind Wochen vergangen, ohne dass ich recht weiß, was ich währenddessen alles gemacht habe. Und auch ich sage manchmal: Lieber nicht, die Woche war schon so voll, ich kann einfach nicht mehr.
Verständnis ist also da. Aber meine Freundinnen treffe ich dann eben doch wieder nicht. Oder wenn, dann vielleicht im September? Wenn nichts dazwischen kommt.
Alles muss perfekt sein. Oder?
Das macht mich traurig. Und fühlt sich – trotz enger Freundschaften – einsam an. Warum handeln viele von uns trotzdem so? Ich glaube, ein Teil des Problems ist, dass man glaubt, alles müsse perfekt sein, um seine Freunde treffen zu können, beziehungsweise nur der allerengste Kreis dürfe Imperfektion und Improvisation erleben.
Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich habe schon unentspannt reagiert, als eine Freundin ohne vorherigen Anruf plötzlich vor der Tür stand – „für einen Kaffee“. Und ein anderer Freund wollte, dass ich ihn am Folgetag zu einem Gerichtstermin begleitete. Es war Sonntag Abend. Für Montag Morgen, 10 Uhr. Ich habe abgesagt.
Spannenderweise leben beide schon sehr lange in Deutschland, aber haben andere kulturelle Wurzeln. Für sie bin ich vielleicht die etwas umständliche, bei aller Freundschaft etwas kühle Deutsche.
Und, wenn wir ganz ehrlich sind: so sind wir Deutschen ja tatsächlich. Etwas umständlich. Etwas kühl. Mit einem Leben sehr nach Plan. Und klagen zugleich darüber, oft einsam zu sein oder uns ständig gestresst zu fühlen.
Erlebt ihr das auch so? Oder ganz anders? Und wie geht das anders?
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
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