Gesellschaft, Politik

Sie schleichen nachts um die Häuser. Wie die A*D Wahlkampf betreibt.

Wahlbroschüren
Das Wahlprogramm der A*D, frei Haus geliefert


Nachts im Winter ist in unserem kleinen Städtchen abends um acht kaum noch jemand unterwegs. Erst recht nicht in unserer Straße. Die Senior:innen ringsum sitzen mit ihrem Likörchen friedlich vor Rosamunde Pilcher. Letzteres ist natürlich Spekulation. Ersteres schließe ich aus den Flaschen, die jeden Monat gut sichtbar zur Abholung hinausgestellt werden.

Umso verwunderlicher, dass plötzlich das Gartentor quietscht. Im Dunkeln. Ich bin heute allein zuhause. Wer kommt da um diese Zeit vorbei? Dann klappert die Briefkastenklappe. Sekunden später ziehe ich die blauen Broschüren aus dem Kasten. Wer auch immer sie eingeworfen hat, schließt gerade das Gartentor hinter sich. 

Ich spüre, wie die Wut in mir hochschießt. Was soll das? Wahlwerbung in einer Nachtaktion, direkt in die Häuser? Offenbar bewusst möglichst unsichtbar, um potentiellen Anfeindungen zu entgehen. Und da öffentliche Plakate wohl schnell beschädigt würden. 

„Ich will hier keine A*D!“ höre ich mich durch den Briefschlitz rufen. Zerreiße die Broschüren, komme mir dabei so lächerlich wie entschlossen vor.

Und denke sofort: Bei wie vielen der Herrschaften ringsum wird diese Saat auf fruchtbaren Boden fallen? Wo das Wahlprogramm mit blumigen Versprechen schon mal frei Haus geliefert wird? Wo es ungesehen studiert werden kann? Wo sich in der Wahlkabine in gut zwei Wochen genauso ungesehen die Kreuze setzen lassen? 

Offen demonstrieren Hunderttausende in deutschen Städten gerade wieder gegen Rechts. Aber auf der Straße wird dieser Wahlkampf von den Rechten gar nicht geführt. Zumindest nicht im Südwesten des Landes. Dafür dort, wo sich die Leute unbeobachtet fühlen. Für die Jungen ist das auf YouTube, TikTok und Instagram, für die Alten in ihren Häusern.

Geht die Saat auf? Derer, die ihre überzeugten Anhänger nachts im Dunkeln um die Häuser schleichen lassen? So feige wie – vielleicht – wirkungsvoll?

Jetzt schleichen sie noch. Sollten Sie echten Einfluss bekommen, lassen sie diese Zurückhaltung sicher fallen. 

Nachdenkliche Grüße, Sarah Zöllner

Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.

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[Foto: privat]

2 Gedanken zu „Sie schleichen nachts um die Häuser. Wie die A*D Wahlkampf betreibt.“

  1. Es ist wirklich gruselig geworden.

    Es gibt aber auch eine tolle Aktion von Leuten, die Aufklärungsflyer in Briefkästen verteilen. Nicht im Dunkeln, aber aufpassen muss man da auch schon. Ich hoffe, dass die Flyer viele Menschen erreichen und sie nochmal nachdenken!

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  2. Ich teile die Einstellung zur AfD.
    Aber Wahlkampf vor Ort wird meist doch nebenberuflich gemacht, da finde ich es nicht erstaunlich, dass welche Partei auch immer abends ihre Zettel einwirft.

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