
„Der tiefere Sinn von Freiheit ist Zugehörigkeit“. Der Satz der Schriftstellerin Siri Hustvedt berührt mich sofort. Ich lese ihn in einem ziemlich klugen Buch: „Die Zentrale der Zuständigkeiten“ von Rebekka Reinhard.
Mutter = Super-Power-Tankstelle
Als Mutter bist du in unserer Gesellschaft genau diese „Zentrale der Zuständigkeiten“: Du führst und sorgst, triffst im Beruf Entscheidungen und wischst Kinderkotze auf, klaubst Kekskrümel aus dem Teppich unter dem Esstisch und beruhigst auch nachts noch deine Kinder, statt selbst zu schlafen. Irgendwann dann gegen deinen Willen. Aber wen interessiert’s? Solange du weiter funktionierst, ist alles paletti.

Ich habe noch nicht komplett gelesen, was Rebekka Reinhard empfiehlt, um diesem Kreislauf zu entkommen. Aber ich spüre schon nach den ersten Seiten: Ein maßgeblicher Bestandteil ist, was in diesem Satz zu Beginn des Buches steht: „Der tiefere Sinn von Freiheit ist Zugehörigkeit“.
Mit allem befasst – und doch allein
Zu wem aber gehören wir Mütter? Zu unseren Männern, die uns kurz nach der Geburt unserer Kinder mit einem Säugling und Bergen schmutziger Wäsche zuhause allein lassen – weil sie „arbeiten müssen“? Zu unseren Freundinnen, die wir – keine Zeit, keine Zeit – alle zwei Monate auf einen hart erkämpften Cocktail treffen? Zu unseren eigenen Müttern, die uns mit einer Mischung aus Mitleid und Neid betrachten („Ich weiß ja nicht, wie du das alles schaffst – ich könnte das nicht!“).
Denn eine traurige Wahrheit ist: In unserem Leben als Mütter erreichen wir vieles, eine eigene Familie, beruflichen Erfolg, gegebenenfalls ein Eigenheim. Was wir dabei oft verlieren: Uns selbst. Und die Zugehörigkeit. Zu all denen, die neben, mit und vor uns kämpfen und den Laden am Laufen halten.
We have ist all – warum das eine Riesenlüge ist
Die „Zentrale der Zuständigkeiten“ ist bestens vernetzt – und dennoch ein Solitär. Denn keine kann so gut wie sie für alles sorgen. Keine ist so erfolgreich, so laut – und gleichzeitig so leise – wie sie. Keine vereint all diese Widersprüche so gut wie sie. Das zumindest muss sie sich immer wieder sagen, um das Bild aufrecht zu erhalten: „Yes, I can!“ Und: „I have ist all!“
Genau das ist im Kern aber oft eine Riesenlüge. Partnerschaft, die nur noch als Abklatschen an der Haustür und einmal in der Woche dem Orga-Meeting am Küchentisch besteht, ist keine. Freundschaften, für die keine Zeit bleibt, sind Sentimentalität. Kinder, die wir bestmöglich verwalten und in Kita und Ganztagsbetreuung unterbringen, um selbst an anderer Stelle zu funktionieren, sind uns zugleich die liebsten Menschen auf der Welt – und der Sand in einer perfekt laufenden Maschinerie, von der wir über die Jahre ein Teil geworden sind.
Was ist der Weg – DEIN Weg da raus? Gibt es überhaupt den einen Weg?
Aber nein, liebe Mutter: Das Patentrezept ist leider verbrannt. Denn von außen kommt nichts, was dir innen hilft, den Laden zu retten. Weil das Außen genau die Selbstaufgabe fordert, die es angeblich zu vermeiden sucht. „Finde dich selbst. Aber lauf weiter“, „Werde entspannt, während du dich stresst“, „Sei eine gute Mutter, Arbeitgeberin und Partnerin UND ganz du selbst!“…
Veränderung beginnt in uns
Der einzige Weg, diesem Ratgeber-Kauderwelsch zu entkommen: Hör nicht zu! Wann aber hören wir tatsächlich nicht auf die Stimmen von außen? Auf das „Du musst!“, „Du sollst!“, „Du darfst nicht!“, „Du willst!“ Nun, wenn wir ganz bei uns selbst sind. Der Ausweg daraus, auf immer die „Zentrale der Zuständigkeiten“ zu bleiben, ist, dass du dich dir selbst zugehörig fühlst. Als ersten Schritt. Und nach und nach den anderen da draußen, die alle wie du als Töchter und Mütter ihr eigenes solitäres Leben leben.
Wenn wir Mütter echte Veränderung wollen, dürfen wir beginnen, uns selbst zu lieben. Uns wichtig zu nehmen. Und wir dürfen beginnen, all die anderen Frauen da draußen zu lieben. Weil sie sind wie wir. Obwohl sie sind wie wir. Echte, tief empfundene Zugehörigkeit unter uns Frauen ist ein Schlüssel dafür, dass sich Dinge verändern. Weil wir dadurch füreinander Raum schaffen. Weil wir dann plötzlich wieder Zeit füreinander haben und nicht nur für alle und alles andere. Weil dann klar ist: Du bist mehr als die Frau, die Krümel unter dem Tisch zusammenklaubt. Du bist mehr als die Frau, die nach einer durchwachten Nacht mit ihren Kindern die 1a-Präsentation hinlegt.
Du bist du selbst. In deiner Person. Nicht in deiner Funktion.
Das „Wir-selbst-sein“ ist dieser Schritt, der Frauen von Maschinen wieder zu Menschen macht. Indem wir uns ineinander spiegeln und uns dabei unterstützen, als Töchter und als Mütter, helfen wir einander. Der tiefere Sinn von Freiheit ist Zugehörigkeit. Zu dir selbst. Und zu den Frauen und Müttern um dich herum. In diesem Sinn: Herzlich alles Gute zum Muttertag!
Die Autorin ist freie Journalistin, Autorin für Familien- und Gesellschaftsthemen sowie Mutter eines Kindergarten- und eines Grundschulkindes.
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[Foto: privat. Buchcover: Ludwig-Verlag; der Beitrag enthält aufgrund von Titelnennung unbezahlte Werbung]
