Beruf, Gesellschaft, Persönliches

Light my Fire. Warum ich meine Schüler*innen liebe

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45 Minuten freier Vortrag, samt Gitarrensolo und selbstverfasstem Poetry-Slam-Text als Schüler-Referat zum Thema „Postmoderne“? // Eine Schülerin, die sich an mich wendet, nachdem ihr Sitznachbar mitten in der Stunde den Raum verlassen hat: „Ich gehe mal eben raus, nach P. sehen. Dem geht’s offensichtlich nicht gut.“ // Ein Schüler nach einer aufwendigen Gruppenarbeit: „Bei der Vorbereitung war ich über mich selbst erstaunt. Ich bin eigentlich schüchtern, aber in der Gruppe hat das total Spaß gemacht!“

Ich liebe meine Schülerinnen und Schüler. Für Momente wie diese, in denen sie über sich hinauswachsen. In denen sie aneinander denken und füreinander da sind. In denen sie mehr von sich selbst erfahren, dadurch, dass sie ihr ganz persönliches „Neuland“ betreten.

Kein Unterricht im Takatuka-Wunderland

Und ich unterrichte nicht im Takatuka-Wunderland oder an einer der innovativsten Schulen Deutschlands. Ich habe Schülerinnen und Schüler mitten im Motivationsloch und einige, die vor lauter Arbeit oder privater Probleme außerhalb der Schule nicht zum Lernen kommen. Ich habe blitzgescheite und weniger clevere Schülerinnen und Schüler. Einige mit beeindruckender Vorbildung und andere, die tatsächlich erst seit wenigen Jahren lesen und schreiben können. Ich unterrichte erwachsene Schülerinnen und Schüler zwischen 19 und 35, die auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur erarbeiten. Und JA, ich liebe das Unterrichten, ich liebe die Arbeit mit diesen so unterschiedlichen Menschen, ich liebe meinen Job als Lehrerin.

Was macht guten Unterricht aus?

Darf ich mich aufschwingen und behaupten, ich habe allmählich eine Ahnung, was eine „gute“ Lehrerin, einen „guten“ Lehrer ausmacht? Wie guter Unterricht entsteht? Seit rund zehn Jahren arbeite ich in diesem Beruf und ich kann sagen, ich habe in dieser Zeit vermutlich ähnlich viel gelernt wie die jungen Menschen, mit denen ich arbeiten darf.

Frontal, digital – ganz egal.

Nr. 1 Die Botschaft ist die Botschaft. Ich bin nur ihr Medium

Als Lehrerin bin ich das Medium. Mir wird der Raum geschenkt und eine Gruppe junger Menschen widmet mir tatsächlich ihre Lebenszeit. Ich sehe das als Privileg. Und finde: dieser Raum ist da, damit er meinen Schülerinnen und Schülern etwas bringt. Und nicht, damit ich mich reden höre, damit ich „Stoff vermittle“, damit ich nach der Stunde Noten machen kann, damit wir uns alle gemeinsam langweilen und uns woanders hin wünschen. Nö, nö, nö. So aber läuft Schule leider oft ab. Ich will meine Studierenden fragen, was sie wissen wollen. Worüber sie sprechen möchten, was sie an dem Thema, das ich in den Raum bringe, berührt. Ich frage. Ich habe keine festen Antworten. Ich freue mich an weiteren Fragen. An Bemerkungen, die mich verblüffen, die auch mich Neues erkennen lassen. Ich stoße das Gespräch an, schaffe den Raum und dann gehe ich mit. Und höre zu. Stoße wieder an und bin dabei. Die Botschaft ist die Botschaft. Nicht ich.

Nr. 2 Humor hilft

Ich bin wirklich humorlos. Ich kann keinen Witz erzählen, ich werde verlegen, wenn einer möchte, dass ich locker bin. Ich bin keine „Rampensau“, weiß Gott nicht. Trotzdem lachen meine Schülerinnen und Schüler häufig in meinem Unterricht. Wie kommt’s? Sie lachen gar nicht über meine Pointen, sie lachen, weil sie auch staunen, mitfühlen, mitdenken und weil da plötzlich alle Emotionen mit ins Spiel kommen. Eine Stimme, Bewegung, manchmal ein spontaner Satz des Sitznachbarn, eine Bemerkung in der Diskussion, die alle verblüfft. Ich schaffe den Raum, dass so gut wie nichts peinlich ist. Wenn alle k.o. sind nach sechs Stunden Unterricht, mache ich mit meinen Schülerinnen und Schülern Gymnastikübungen. Ich bin überzeugt davon, dass wir von dem, was wir lernen, behalten, was uns berührt. Und dass wir nur sinnvoll denken können, wenn wir keine Angst haben und unser Körper mit einem Minimum an Sauerstoff versorgt ist. Für diesen Rahmen sorge ich.

Nr. 3 Ich fühle Respekt. Andere sind nicht wie ich

Das musste ich erst lernen. Andere sind anders als ich. Was mir hilft, kann für andere überhaupt nicht hilfreich sein. Als junge Lehrerin versuchte ich einfach alle meine Schülerinnen und Schüler „aus der Reserve zu locken“. So jedenfalls verstand ich das. Vor anderen sprechen? Sich am Unterricht beteiligen? Einfach machen. Ich selbst hatte den Weg für mich gefunden, über das Handeln meine Unsicherheit zu überwinden. Dass dieser Weg längst nicht für alle hilfreich ist, musste ich erst lernen. Heute versuche ich vielmehr, eine Atmosphäre zu schaffen, die Raum für alles gibt: Rückzug genauso wie expressiven Ausdruck oder kontroverse Positionen. Immer unter der Bedingung, dass dabei der Respekt anderen Meinungen und Personen gegenüber gewahrt bleibt. Das schafft Raum für Diskussion und ein Austesten von Möglichkeiten, eben das Betreten von „Neuland“, als das ich Lernen verstehe.

Nr. 4 Ich bin berechenbar

Zwei Lehrende, an die ich noch immer mit ambivalenten Gefühlen denke, waren durchaus gute Didaktiker und innovativ in ihren Lehrmethoden. Aber sie waren unberechenbar. Unkalkulierbare Launen, bzw. die willkürliche Erteilung von Gunst und Aufmerksamkeit. Als Lehrerin habe ich Macht. Das ist eine Tatsache. Ich kann mit den Noten, die ich vergebe, durchaus schulische Laufbahnen beeinflussen. Vor allem aber kann ich Menschen motivieren, für ein Fach begeistern oder es ihnen – möglicherweise für immer – verleiden. Willkür und Unberechenbarkeit haben für mich im Unterricht nichts zu suchen. Beides erzeugt Unsicherheit und je nach Temperament der Schülerinnen und Schüler Aggression oder Rückzug. Und wie will ich lernen, ohne gut mit meinem Gegenüber in Kontakt zu sein?

Nr. 5: Ich bin ich selbst

Das vor allem habe ich in den letzten zehn Jahren mit meinen Schülerinnen und Schülern gelernt. Eigentlich fragen sie danach: „Wer bist du?“ Wer bist du in deinen Entscheidungen, deiner Haltung? Aus welchen Gründen vergibst du deine Noten? Wie reagierst du, wenn einer dir gegenüber unklar oder grenzüberschreitend ist? Fühlst du dich wohl in deiner Haut, bist du „echt“? Das ist vermutlich, warum sich viele gar nicht vorstellen könnten, als Lehrerin oder Lehrer vor einer Klasse zu stehen. Um hier zu bestehen, muss ich klar und in mir sicher sein. Fachliche Kompetenz hilft. Aber letztlich speist sich unsere Autorität als Lehrerin oder Lehrer meiner Meinung nach aus der Gelassenheit, mit der wir in unserem Amt auch immer ein Stück weit wir selbst bleiben. Bin ich als Lehrerin selbstsicher, vermittle ich auch meinen Schülerinnen und Schülern Sicherheit. Und im sicheren Rahmen lernt es sich gut.

Erfahrung aus 5000 Stunden Unterricht

All diese Punkte bündeln meine Erfahrung aus ca 5000 Unterrichtsstunden, aus unzähligen Gesprächen mit meinen Schülerinnen und Schülern, aus den Begegnungen mit ihnen im Klassenraum, bei Theaterbesuchen, Ausflügen oder bei einem Glas Bier auf dem Schulsommerfest. Meine Erfahrungen als unsichere und sichere Lehrerin. Neu in der Klasse und nach drei Jahren Unterricht mit derselben Gruppe. In zehn Jahren habe ich schon auf dem Schulklo geweint und bin mit wirklich glücklichem Lächeln aus der Klasse geschritten. Ich habe mich geehrt gefühlt, wenn mir Vertrauen entgegengebracht wurde und musste lernen, dass mir gar nicht jeder vertrauen möchte. Lehrerin sein ist für mich Menschenarbeit. Will ich eine gute Lehrerin sein, muss ich meiner Meinung nach gut mit Menschen sein können. Ich bin nicht diejenige, um die es geht, aber ich schaffe den Raum, in dem alles entstehen kann.

Im besten Fall trete ich dann zurück und es entsteht wirklich etwas Neues, wie an diesem Donnerstag Vormittag, als einer meiner Studierenden zur Gitarre griff, sang, dichtete und wie nebenher alles Wichtige über die Zeit der Postmoderne vermittelte. 28 junge Menschen hörten ihm gebannt zu, trugen ihn mit ihrer Aufmerksamkeit und reflektierten später voller Anerkennung, herzlich und differenziert, seinen Vortrag.

Da saß ich als Lehrerin ganz still am Rand, lauschte, staunte. Und wusste wieder einmal: genau darum liebe ich, was ich hier tue!

Herzlichen Gruß, Sarah

PS. Mit diesem Artikel und Herzensthema nehme ich an der Blogparade „Herzgeflüster“ von Dr. Annette Pitzer teil. Danke für den Aufruf zur Reflexion!
[Foto: Pixabay]

 

 

8 Gedanken zu „Light my Fire. Warum ich meine Schüler*innen liebe“

  1. Weil es mich so gefreut hat… hier ein paar Reaktionen auf Twitter auf diesen Artikel:

    Nina Toller (@ninatoller) „Als Lehrerin bin ich das Medium. Mir wird der Raum geschenkt und eine Gruppe junger Menschen widmet mir tatsächlich ihre Lebenszeit. Ich sehe das als Privileg.“
    Schöner & ehrlicher Text von @Mama_schreibt über Unterricht

    Katrin Grün (@MrsGreenGER) Und noch etwas zum Thema: „Analog? Digital? EGAL!“ Im Mittelpunkt müssen IMMER die Menschen stehen. Ich finde, das ist ein ganz toller Artikel.

    Bernd Thoma (@bernd_thoma) „Kann Katrin vollkommen zustimmen:
    Toller Artikel von @Mama_schreibt“. Danke hierfür 👍

    Danke ebenfalls!🙂

    Liken

    1. Oh, herzlichen Dank! Ich freue mich über dein Kompliment – unbekannterweise!🙂 Das werde ich mir ansehen, wenn es im Schulalltag mal wieder schwieriger ist – kommt ja auch vor. Freue mich, dass du auf meinem Blog gestoßen bist! Lg, Sarah

      Gefällt 1 Person

  2. In meiner Praxis behandle ich einige Lehrer, die mit ihrem Lehrerdasein nur eins verbinden, nämlich Stress. Dein Artikel hat mein Herz hüpfen lassen, denn Du zeigst, dass es, mit einem anderen Blickwinkel, ein erfüllender Beruf ist. Ein Lehrer hat eine enorme Macht und daher Verantwortung, denn er formt Menschen. Das sollte er aus der Herzenergie heraus tun.
    Alles Liebe
    Annette

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Annette,
      das sehe ich ganz genauso – und bin manchmal erschrocken, bei wie vielen meiner (erwachsenen) Studierenden diese Herzenergie auch nur noch stockend fliest. Umso schöner, wenn dann doch Momente wie die im Artikel beschriebenen möglich sind!🙂 Ich habe mit großem Interesse deinen (beruflichen) Lebensweg auf deinem Blog verfolgt: von der Naturwissenschaft zu alternativer Heilkunde, von analytischer Logik und Trennung in Physe und Geist, Verstand und Gefühl zu einer ganzheitlicheren Sicht. Solche Therapeut*innen, Lehrer*innen und Ärzt*innen braucht es meiner Meinung nach!
      Herzlichen Gruß, Sarah

      Liken

    1. Oh, vielen Dank für dieses schöne Kompliment! Ich finde spannend, wie viele Menschen tatsächlich auf dem 2. Bildungsweg ihr Abitur nachmachen und zugleich kennen viele diese Schulform gar nicht. Dabei ist sie so wichtig und lässt viele meiner Studierenden sich wirklich nochmal ganz neu entdecken, wie du es ja auch beschreibst. Und als Lehrerin arbeite ich mit den Erwachsenen, bei allen auch schwierigen Situationen, wirklich gern.
      Lieben Gruß, Sarah

      Liken

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