Kleines Verzeichnis klangvoller Wörter: „The winner is…“

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Erinnert ihr euch?

Bevor ich verrate, wer von euch kreativen Wortschöpferinnen und Lieblingswortbesitzern sich bald über ein echtes BUCH VON MIR freuen kann (vielleicht reißen sich eines Tages die Sammler drum…), hier noch einmal die Zusammenfassung, worum es überhaupt ging:

Das war das Gewinnspiel

1) Vor etwa einem Monat habe ich meine treuen Leserinnen und Leser nach ihrem absoluten Lieblingswort gefragt.

2) Dabei habe ich einige ganz wunderbare Wort-Schätze eurerseits erhalten. Ihr findet sie hier und hier, jeweils in den Kommentaren. In den Artikeln habe ich auch gleich einige meiner Lieblingswörter mit euch geteilt, z.B. Mätresse, Langmut oder das I-Tüpfelchen.

The Winner is…

Und damit – tata – die Verlosung, mit Glücksfee „Schorsch“, von meinem Sohn zu diesem Zweck großzügig zu Verfügung gestellt:

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Tataaa – herzlichen Glückwunsch, liebe Lea!

Und danke für deine tolle Wortneuschöpfung „eingezwercht“.

Wer wissen will, was das genau heißt, lese hier deinen Kommentar! Wenn du mir über kontakt(at)mutter-und-sohn.blog deine Anschrift schickst, macht sich mein Werk auf den Weg zu dir!😀

Liebe Grüße, Sunnybee

Sex. Sex. Sex. Oder: Bin ich plötzlich prüde geworden?

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Werbeplakat: Unternehmen bewusst geschwärzt.

Sexy, die sechs Damen auf diesem Werbeplakat? Vor wenigen Tagen fuhr ich auf dem Weg zur Arbeit direkt auf sie zu.

Verführerisch und überlebensgroß 

Verführerisch und überlebensgroß lächelten sie mir entgegen. Direkt neben einer Ampel, an der der Durchgangsverkehr alle 2-3 Minuten zum Stehen kommt. Und in unmittelbarer Nähe dreier (!) Schulen, die Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und ca. 30 Jahren besuchen. 

Ich selbst war auf dem Weg zur Arbeit. Allerdings voll bekleidet, anders als die lächelnden Ladys, die im Auftrag eines Online-TV-Senders zum „Amateur Star-Wettbewerb 2019“ aufriefen. In welchem Bereich sich der Wettkampf abspielen würde, war angesichts der Kleiderwahl und Posen unschwer zu erraten.

Nun ja. Ich blieb stehen, machte das oben abgebildete Foto und beobachtete einen Augenblick lang die Passanten, deren Blicke die halbnackten Damen streiften. 

Und ich war tatsächlich schockiert.

Wer kommt auf die Idee, ein solches Plakat in der „Einflugschneise“ Hunderter junger Menschen zu platzieren, die täglich auf diesem Weg zur Schule gehen? Was soll dabei jungen Männern – und Frauen – vermittelt werden? „Schau mal, uns Damen gibt’s im Sonderangebot?“, „Warum zur Schule gehen, wenn man mit rein physischen Attributen so schnell berühmt werden kann?“ 

„Amateurwettbewerb“ – suggeriert das nicht auch eine gewisse Unschuld, à la „Mädel von nebenan“? Schau mal, noch posieren hier Mia Blow oder The Real Barbie of Berlin, aber mit etwas Engagement und Silikon könntest morgen schon DU hier stehen!… 

Sex sells – Und wer greift zu?

Ich habe einen dreijährigen Sohn, für den „Sex sells“ momentan noch nichts anderes als eine lustig gezischelte Lautfolge ist. Aber das Prinzip wird sich ihm sicher in wenigen Jahren erschließen. Mit jedem „Schau-mal-was-hat-die-für-Titten“-Filmchen auf dem Handy, das ihm seine Kumpel zeigen, wenn er elf, zwölf, dreizehn Jahre alt ist. Mit jeder Bordell-Werbung auf Taxis. Mit Plakaten wie diesem hier. Du bist der (potentielle) Kunde. Und Frauen sind die, die (potentiell) zu kaufen sind. Beziehungsweise nicht alle. Es gibt die „anständigen Frauen“, denen du nie ein solches Angebot unterbreiten würdest. Aber offensichtlich auch die, bei denen die Hürde nicht so groß ist. Sie scheinen sich ja geradezu darum zu reißen, dir ihre Reize anzubieten. 

Hure oder Heilige? 

Was wir täglich wahrnehmen prägt irgendwann unser Bild von der Welt. Was für ein Frauenbild vermitteln solche, vollkommen selbstverständlich im öffentlichen Raum platzierten, Werbeanzeigen meinem Sohn? Was würden sie meiner Tochter vermitteln? 

Sorry: Ich habe keine Lust, in einer Welt zu leben, in der mir solche Werbung auf dem Weg zur Arbeit „entgegenplärrt“. Genauso wenig, wie ich mir eine solche Welt für meinen Sohn wünsche. Ich gebe zu, ich war kurz versucht zu einer Guerilla-Aktion wie den PorNo-Stickern, welche die feministische Zeitschrift EMMA vor einigen Jahren als Heftbeilage und handfestes Statement gegen sexistische Werbung verbreitete.

Statt dessen schreibe ich jetzt hier im Blog. Und meinem Sohn werde ich erklären und vorleben, dass Sexualität etwas Wunderbares sein kann: selbstverständlich und schön. Und auch, dass sie sein sehr persönliches, intimes Geschenk sein wird an Menschen, die ihm wichtig sind und mit denen er sie tatsächlich erleben möchte. Vor allem aber bemühe ich mich schon jetzt, ihm zu zeigen: es gibt Grenzen – seine eigenen und die anderer – und beide sind zu respektieren. 

Kürzlich habe ich den klugen Satz gelesen: 

„Kinder brauchen keine Grenzen. Kinder brauchen Erwachsene, die Grenzen haben.“

Vielleicht werde ich, wenn er zwölf, dreizehn, vierzehn ist, mit ihm sprechen, sollten wir an einem Werbeplakat wie dem oben beschriebenen vorbeikommen. Vielleicht spreche ich dann auch gar nicht über Sex mit ihm. Aber hoffentlich habe ich ihm bis dahin vermittelt, dass Frauen nichts sind, was man sich „per Klick“ bestellt. Auch wenn sie im Netz, in Bordellen und wie hier auf der Straße scheinbar so „easy“ verfügbar sind. Wer so von Frauen denkt, erniedrigt jedenfalls nicht nur diese – sondern vor allem sich selbst. 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Wer etwas gegen diese Art sexistischer Werbung tun möchte: Die weltweit aktive Frauenrechtsorganisation Terre des femmes gibt auf ihrer Website konkrete Tipps: Wie wehre ich mich gegen sexistische Werbung?

Der Prinz auf dem schneeweißen Ross. Ein Kommentar zum Valentinstag

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Vermutlich sind wir Frauen im Herzen alle ein wenig „Schneewittchen“. Oder „Dornröschen“. Oder „Rapunzel“. 

Wir versorgen unsere Kinder, stehen unsere Frau im Beruf, treffen unsere Freundinnen zum Cocktail oder Ingwertee und verdienen unser eigenes Geld. Wir haben schon mindestens einen Frosch geküsst und vielleicht auch schon den ein oder anderen Prinzen erlebt, der sich wieder zum Frosch verwandelt hat. 

Eigentlich müssten wir es besser wissen. 

Wir haben monatelang unseren Freundinnen vor, während und nach unserer Trennung unser Leid geklagt, von unserer inneren Zerrissenheit, unserer Hoffnung, Enttäuschung, unserem Schmerz und unserer Sehnsucht berichtet. Wir waren froh, dass sie an unserer Seite waren, diese tollen Frauen, die wir stolz unsere Freundinnen nennen. „Liebe vergeht, Freundschaft besteht“, prosteten wir uns nach langen Gesprächen beschwipst zu und einen Moment lang spürten wir sie dankbar: die Solidarität unter Frauen. Ein Glück, dass wir unsere Freundinnen hatten, da unser sonstiges Leben gerade auseinander zu fallen drohte. 

Der Prinz tritt auf.

Und doch: da meldet sich dieser wunderbare Kerl über das Datingportal. Da hat uns der Single-Papa des Kindergartenfreunds zu einem Kaffee eingeladen. Da haben wir über den Freizeittreff, das Alleinerziehendennetzwerk, den Sprach-Stammtisch diesen einen, wunderbaren Mann kennen gelernt. Auf einmal ist alles anders. Eben noch im Glassarg eingesperrt? Er öffnet den Deckel und beugt sich zu uns herab. Eben noch oben auf der Burg mit unserem Haar beschäftigt? Für ihn lassen wir es sofort und bereitwillig herunter. Eben noch schlafend hinter Dornenhecken? Für diesen Mann greifen wir selbst zur Heckenschere. 

Wir sind verliebt. Das Leben ist wunderbar. 

Ok. Der Beruf läuft weiter. Unsere Kinder können wegen Magen-Darm wieder mal nicht in denn Kindergarten. Wir müssen auch noch die Frist für das nächste Projekt einhalten. Aber dazwischen jeden Abend wenigstens am Telefon Gespräche. Der Sex ist neu und aufregend. Er ist es! Sagte ich es schon? Wir sind verliebt. Bald bis über beide Ohren. Wir schweben zur Kita, zur Arbeit, zurück in seine Arme. Das Leben ist großartig. Lebenswert. 

Nun ja, es ist auch ganz schön anstrengend. Bevor er zu Besuch kommt, räumen wir noch schnell die Wohnung auf und wischen uns die Breiflecken vom Hemd. Er soll uns schließlich erkennen als das, was wir sind: seine Königin! Nö, Prinzessinnen sind wir nicht, wir haben ja nicht auf den Prinz gewartet. Wir sind ja wunderbar auch ohne einen Mann an unserer Seite zurechtgekommen. 

Aber wenn er jetzt schon mal da ist…

Ok, er ist ziemlich eigenwillig, was seine Freizeitgestaltung angeht und zeigt sich nicht gerade engagiert, an unsere Seite zu eilen, wenn unser Kind zum dritten Mal innerhalb von zwei Monaten nachts die Kissen vollkotzt. Wir haben Verständnis. Er hat ja sein eigenes Kind, seinen Beruf, eben sein Leben. Wir sind schließlich seine Königin. Wir können unser Leben gut selbst regeln. Haben wir, bevor wir ihn kannten, ja auch getan. 

Anstrengend ist es allerdings schon. Der erste Streit. Wir sind erschöpft. Unsere Freundinnen fragen, ob es uns gut gehe. Natürlich, alles prima. Wir haben diesen wunderbaren Mann an unserer Seite. Wir sind doch glücklich. Und außerdem fahren wir jetzt in Urlaub zusammen. Unser Kind und seine Kinder verstehen sich gut. Das hat so was Heimeliges, Vertrautes, fühlt sich einfach gut an, hach… fast wie Familie. 

Unsere Freundinnen? 

Wir haben leider so wenig Zeit jetzt. Sie haben natürlich Verständnis. Jede von uns kennt das: in einer Partnerschaft steht eben der Partner an erster Stelle. Wir wollen uns mal wieder treffen. Aber unsere Freundin scheint unseren Partner sowieso nicht so richtig zu mögen. Schon dass sie fragt, ob wir glücklich sind! Und dann ist sie mit anderen Dingen beschäftigt, für die wir gerade einfach keinen Kopf haben: Frauennetzwerke, gesellschaftliche Themen – sie wird es sehen, wenn sie selbst wieder in einer Partnerschaft lebt: Beziehungspflege ist auch Arbeit. Wir haben schließlich unser Glück am Laufen zu halten.

Tja… und so läuft es dann: zwei Jahre, fünf Jahre, vielleicht zwanzig Jahre. Vielleicht erinnern wir uns irgendwann wieder an unsere Freundinnen und bereuen, dass wir sie über Monate und Jahre kaum wahrgenommen haben. Vielleicht merken wir aber auch erst, dass wir sie brauchen, wenn der Prinz doch wieder zum Frosch wird. Wir schimpfen und hadern, wir teilen mit unseren Freundinnen unsere Zerissenheit, unsere Hoffnung, Enttäuschung, unsere Sehnsucht und unseren Schmerz. Und sind heilfroh, dass wir sie haben. 

Denn unter Freundinnen ist man ja immer für einander da. Oder?

Herzlichen, nachdenklichen Gruß, Sunnybee

PS. Wem das sarkastisch erscheint – ist es eigentlich nicht. Eher realistisch: laut einer Statistik der Bundeszentrale für politische Bildung lag die durchschnittliche Ehedauer bei einer Scheidung im Jahr 2011 bei etwa 14 Jahren; die meisten Ehen, die geschieden wurden, scheiterten jedoch nach 5-7 Jahren. Insgesamt scheiterte mehr als jede dritte Ehe. Im Vergleich: beste Freundinnen begleiten uns, wenn wir Mitte 30 sind, teilweise bereits seit 20-25 Jahren. Die Wahrscheinlichkeit, dass „die Liebe vergeht, die Freundschaft besteht“, ist also relativ groß. Vielleicht sollten wir dies durch unsere Wertschätzung Freund/innen gegenüber auch während unserer Partnerschaften noch deutlicher zum Ausdruck bringen?

Wie riecht der Februar? Eine Übung in Achtsamkeit

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Wonach riecht eigentlich der Februar?

  • nach von Regen durchnässten, in der Tasche vergessenen Wollhandschuhen?
  • nach Schweiß unter Winterjacken, wenn der Frost des Morgens am Mittag frühlingshaften Temperaturen gewichen ist?
  • nach Holzkohlerauchfäden, die die Luft durchziehen?
  • nach erdbeerliköriger Kotze, Polyesterstoff und dem Fettstift der Schminke an Karneval?
  • nach Puderzucker, der beim Hineinbeißen von Fastnachtskrapfen aufstiebt?
  • nach lehmig in der Sonne verdampfenden Pfützen?

Meine Mitbloggerin fundevogel hat mich mit ihrem wunderbaren Blogbeitrag zu den Düften des Januars dazu inspiriert, in den Februar hineinzuschnuppern. 

Ein Geruch und drei Erkenntnisse

Ich tat es während der Fahrt von meiner Arbeitsstelle zum Kindergarten meines Sohnes und bemerkte drei Dinge:

  • während man Rad fährt, riecht man (fast) nichts. Der Fahrtwind lässt nur die Wahrnehmung der intensivsten Gerüche zu. Das wirkliche Riechen erfordert also offensichtlich, ebenso wie das wirkliche Betrachten, ZEIT!
  • Wirklich Riechen, Schnuppern, Wahrnehmen schenkt auch Zeit. Die verbrachte Zeit scheint sich zu dehnen. Ich denke das in den Sekunden, nachdem ich tatsächlich vom Rad abgestiegen bin, mich zu einer Pfütze herunterbeuge und versuche, den leicht kalkigen, erdigen Duft des verdunstenden Wassers einzufangen. Jetzt, während ich die Erinnerung daran niederschreibe, muss ich an Momo denken, Hauptfigur des gleichnamigen Kinderbuchklassikers des Autors Michael Ende: als alles hetzt und rennt und die unheimlichen „grauen Männer“, die „Zeitdiebe“ dieser feinsinnigen Parabel, ihr auf den Fersen sind, bewegt sie sich so langsam es geht, Schritt für Schritt, folgt einer Schildkröte, die ihr den Weg zu ihrem nächsten Ziel weist. Daran muss ich denken, als ich, gebeugt über „meine“ Pfütze, den Fluss des Tages für einen Augenblick durchbreche: das bewusste sich Zeit Nehmen gibt gefühlt Zeit zurück.
  • damit bin ich bei dem, was mir diese Meditation über den Duft, den flüchtigsten aller sinnlichen Eindrücke, deutlich macht: werde ich langsam, weitet sich meine Wahrnehmung. Und lasse ich zu, dass das geschieht, geschieht etwas Wunderbares: ich komme wieder bei dem an, was ich tue. Frei nach Eckhart Tolle: Jetzt! Und Jetzt. Und Jetzt. 

Als Mensch mit ohnehin feiner Wahrnehmung, manchmal überflutet von den Reizen einer Großstadt und dem Leben, das mein Alltag als berufstätige und getrennt erziehende Mutter mit sich bringt, ist dieser Augenblick eine willkommene Erinnerung: 

Das Leben zeigt sich dir als erfüllend, lebensvoll und wunderbar – wenn du ihm den Raum dazu gibst. 

Herzliche, feinsinnige Grüße an diesem Wochenende, Sunnybee

PS. Wer mag, hier eine Buchrezension von mir zum Thema: 

Jorge Bucay: „Drei Fragen“ und Eckhart Tolle: „Jetzt!“

 

Jorge Bucay: „Drei Fragen“ und Eckhart Tolle: „Jetzt!“

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Mit Büchern ist es für mich wie mit Menschen: 

Ich lasse mich nicht gern verkuppeln. 

Entsprechend bin ich gar nicht besonders erfreut darüber, Bücher geschenkt zu bekommen, erst recht nicht mit der Empfehlung: „Das könnte dich interessieren.“ Ich bin eine begeisterte Leserin und habe zugleich, als berufstätige, getrennt erziehende Mutter eines Kleinkindes, nicht besonders viel Zeit, um in Ruhe zu schmökern. Somit ist jede Beziehung, die ich mit einem neuen Buch eingehe, für mich etwas Besonderes. Ich treffe meine Auswahl mit Bedacht – und möchte sie mir nicht von anderen treffen lassen. 

Das vorweg zum ersten der beiden Lebensratgeber, die ich hier vorstellen möchte. 

Eckhart Tolle: „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“

Fast jeder, der sich mit den Themen Achtsamkeit, Selbstfürsorge und bewusster Wahrnehmung befasst, dürfte auf Eckhart Tolle stoßen. Als Klappentext der Ausgabe, die ich geschenkt bekam, mit der Empfehlung, das Buch werde mich begeistern (!), erklären die Fernsehmoderatorin Nina Ruge, Jazz-Musiker Roger Cicero und Schauspielerin Ursula Karven sinngemäß, das Bändchen habe ihr Leben verändert. Darunter grinst mich ein Brillenträger in Kordjacket an – Eckhart Tolle himself – und die Erläuterung zu seinem Werk erklärt, seine „profunde und gleichzeitig […] einfache Lehre“ habe unzähligen Menschen in aller Welt geholfen, „Frieden und […] Erfüllung“ zu finden. 

Nun ja. In der Buchhandlung hätte ich das kleine gelbe Buch wohl zur Seite gelegt. So hatte ich es aber schon in der Hand und begann zu lesen. Zunächst eine klassische „Erweckungsgeschichte“: Eckhart Tolle, ein junger Mann um die 30, ist von Ängsten und Depressionen geplagt und erlebt eines Morgens einen Moment völliger Haltlosigkeit. Alles, woran er sich als „Identität“ geklammert hat, kommt ihm bedeutungslos vor, bzw. scheint ihm zu entgleiten. Er reagiert darauf – verständlicherweise – mit großer Angst und fällt schließlich in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Als er daraus erwacht, hat sich seine Wahrnehmung gewandelt: er spürt nun, dass seine äußere Identität, Beruf, Status, seine Beziehungen, Hoffnungen und Erwartungen tatsächlich nur eine äußerliche Hülle sind. Eine Art „Scheingewand“, unter dem sein wahres Selbst – und damit ein tiefer Frieden – verborgen ist. Ein SEIN, das einfach da ist und sich in Dankbarkeit und Annahme mit allem verbindet und verbunden fühlt. 

Der Rest des Buches ist ein (fiktiver) Dialog zwischen einem klugen Schüler und seinem nicht minder klugen Lehrer. Eines der „Gespräche“ klingt z.B. so: 

– [An meiner Lebenssituation] festzuhängen ist es, was mich unglücklich macht.

– Vergiss für eine Weile deine Lebenssituation und gib deinem Leben die Aufmerksamkeit.

– Was ist der Unterschied?

–  […] Deine Lebenssituation ist eine Einbildung des Verstandes. Dein Leben ist wirklich. Finde das „schmale Tor, das zum Leben führt“. Es heißt: das Jetzt. Reduziere dein Leben auf diesen Moment. Deine Lebenssituation mag voller Probleme sein – das sind die meisten Lebenssituationen -, aber finde heraus, ob du in diesem Moment irgendein Problem hast. Nicht morgen oder in zehn Minuten, sondern jetzt. Gibt es jetzt ein Problem? […] Benutze deine Sinne. Sei völlig da, wo du bist. Schau dich um. Schau nur, interpretiere nicht. Sieh das Licht, sieh Konturen, Farben, Materialien. Sei dir der stillen Gegenwart aller Dinge bewusst. […] Erlaube allem zu sein, innen und außen. Erlaube das „So-Sein“ aller Dinge. Bewege dich tief ins Jetzt hinein. Du lässt die abstumpfende Welt von geistiger Abstraktion und von Zeit hinter dir. Du verlässt den kranken Verstand, der dir deine Lebensenergie entzieht, so wie er auch langsam die Erde vergiftet und zerstört. Du erwächst aus dem Traum von Zeit in die Gegenwart.

Tja, damit hatte Herr Tolle mich für sich gewonnen. Nicht, weil ich immer schon mal „meinen kranken Verstand ablegen“ wollte, sondern weil ich intuitiv nachvollziehen konnte, welche Erleichterung und Freude im wirklich „Gegenwärtig-Sein“ liegen kann. Ich las also weiter. Und empfehle das Buch jetzt hier. Vor allem aber lebe ich, so oft es geht,  tatsächlich mein Leben und nicht meine Lebenssituation, z.B. indem ich auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz zum Kindergarten meines Sohnes erschnuppere: „Wie riecht der Februar?“ 🙂

Jorge Bucay: „Drei Fragen“

Und damit zu einem zweiten klugen Buch, das mich seit Jahren begleitet, in dem Sinn, dass ich immer mal wieder hineinlinse, mich festlese und klüger und bestärkt daraus hervortauche. „Drei Fragen“ habe ich ebenfalls  nicht gesucht. Eine Freundin hatte mich zu einer Lesung von Jorge Bucay eingeladen, den ich davor nicht kannte. So saßen wir denn zwischen etwa 40 anderen Leserinnen und Lesern und hörten uns die Geschichten dieses rundlichen, gut gelaunten Manns mittleren Alters an, der es schaffte, uns die größten Fragen des Lebens „Wer bin ich?“ „Wohin gehe ich?“ „Und mit wem?“ nonchalant wie Zuckergebäck zu präsentieren und noch einige mögliche Antworten mit dazu. 

Kein Guru, der sagt: So ist es richtig, das ist der eine, rechte Weg zum Glück.

„Selbstverständlich geht es nicht darum, sich sklavisch an irgendein Konzept zu halten, das ich hier aufstelle. Wie jeder weiß, entspricht die Karte niemals exakt dem Gebiet und so ist auch jeder Leser aufgerufen, den Kurs zu korrigieren, wann auch immer der Autor seiner Meinung nach falschliegt. Nur so werden wir am Schluss zueinanderfinden. Du mit deinen Antworten und ich mit meinen. Das heißt, du hast deine Antworten gefunden. Und ich die meinen.“

Das hörte sich für mich vielversprechend an. Zumal ich die drei Fragen, die Bucay aufwirft, höchst spannend fand – und finde:

„[…] Die erste Aufgabe ist es, herauszufinden, wer ich bin. Die definitive Begegnung mit mir selbst. Zu lernen, von niemandem abhängig zu sein.

Die zweite Aufgabe besteht darin, mich zu entscheiden, wohin ich gehe. Die Suche nach Erfüllung und Sinn. Unsere Bestimmung im Leben zu finden.

Und als Drittes gilt es sich auszusuchen, mit wem. Die Begegnung mit dem anderen und den Mut, all das zurückzulassen, was sich nicht stimmig anfühlt. Sich der Liebe zu öffnen und die passenden Wegbegleiter zu finden.“

Der Kreis schließt sich

An dieser Stelle treffen Bucay und Tolle dann wohl aufeinander: Wo ich tief im Inneren bei dem bin, was IST und mit dem einverstanden bin, wer ich bin, kann ich im Außen mit der Welt und den Menschen in echte Verbindung treten. Spüre ich dieses tiefe Stimmig- und Gegenwärtig-Sein in mir, brauche ich außen niemanden, der mir sagt, wohin ich gehen soll. Und ich kann für andere, ebenso wie für mich, eine Quelle des Friedens, der Liebe und der Akzeptanz werden. 

Ich würde sagen, allein um an diesen klugen Gedanken teilzuhaben, lohnt sich der Kauf dieser beiden Werke. 

Herzliche, philosophische, Grüße, Sunnybee

PS. Wie immer sind die Bücher, die ich hier vorstelle, persönliche Empfehlungen. Ich erhalte dadurch keinerlei finanziellen Vorteil und verfolge keine kommerziellen Interessen.

Warum mir Zeiten digitaler Stille wichtig sind: Ein Selbstversuch

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Ab sofort gibt’s hier im Blog an ZWEI festen Tagen neue Beiträge zu lesen: MITTWOCHS und SAMSTAGS. 

Ich mache damit einen Selbstversuch. Warum?

  1. Ich schreibe für meinen Blog unheimlich gern und gerade auch sehr viel, die Tastatur steht sozusagen nicht still😉. Das macht mir ehrlich Spaß und hat einen tollen „Nebeneffekt“: inzwischen lesen eine Menge Leute meine Artikel und nicht wenige von euch beehren mich mit ihren tollen, durchdachten, oft auch persönlichen Kommentaren, die ich sehr gern beantworten will. 
  1. Das Netz ist – jawohl – schnell und immer verfügbar. Ping Ping. Kurznachrichten, Chats, E-Mails, die Kommentare und Benachrichtigungen, die mich über meinem Blog erreichen: ein stetes „Hintergrundrauschen“, das mein Leben untermalt. Dutzende Extra-Reize, die meine Handlungen, Gedanken, Gespräche jeden einzelnen Tag unterbrechen. Dazu sage ich jetzt einfach mal STOP. 

Ob mir das gelingen wird? 

Ich habe hier im Blog schon einmal geschrieben, warum mir Zeiten digitaler Stille wichtig sind. 

Zur (eigenen) Erinnerung: 

  • weil ich mit meinen besten Freund/innen und mit meiner Familie an einem Tisch zusammensitzen und mit ihnen sprechen will, nicht chatten oder Sprachnachrichten austauschen, die neue Form des „sich gegenseitig auf den Anrufbeantworter Sprechens“. Das tue ich für meinen Geschmack schon viel zu oft. 
  • weil ich merke, es entspannt mich, wenn ich längere Zeit am Stück mein Handy nicht in der Hand habe, keinen neuen Informations- und Kommunikations-Input erhalte, keine zusätzlichen Reize in meinem ohnehin reizintensiven Alltag. 
  • weil ich mich ertappt habe, wie ein Pawlowscher Hund auf das Signal „Sie haben Post“ zu reagieren: es zuckt mir in den Fingern und ich spüre den deutlichen Drang, nachzusehen, wer da was geschrieben hat. Frei nach McLuhan: „The Medium is the Message“: diese Nachricht will ich gar nicht empfangen. Das ist mir für meinen Geschmack entschieden zu konditioniert!

Daher lese – und schreibe – ich jetzt versuchsweise zu festen Zeiten.

Die restliche Zeit bleibt mein Handy AUS. So richtig. Ohne Empfang. In der Tasche, bzw. gleich im Schrank. Mal sehen, was passiert. 

Vermutlich einfach nur himmlische Ruhe?!

Vielleicht hat der eine oder die andere ja sogar Lust mitzumachen? Dann freue ich mich – wie immer – über Kommentare, wie es euch dabei ergangen ist. Ich lese und beantworte sie dann, wenn mein Handy wieder an ist. Vermutlich nächsten Samstag!😀

Herzlichen Gruß, Sunnybee