„Anstrengungs-Verweigerung“? Warum es sich lohnt, unseren Kindern zu vertrauen

614D3C99-D846-4846-8D8F-4A4DA08E8289Vor kurzem habe ich einen sehr interessanten Blogartikel gelesen. Das Thema: „Anstrengungsverweigerung“. 

Ehrlich gesagt konnte ich mir erst gar nicht wirklich etwas unter dem Begriff vorstellen. In ihrem Artikel beschreibt Bloggerin Charlotte eine Situation, in der ihre Tochter, anstatt – wie wohl als Teil des Mathematikunterrichts erwünscht – die Stufen einer Schultreppe zu zählen, ihre Lehrerin in ein angeregtes Gespräch verwickelte, um damit eben, wie die Autorin schlussfolgert, die Anstrengung der gestellten Aufgabe zu vermeiden. Ihr Charme habe die Lehrerin auch erfolgreich in die Irre geführt – jedenfalls habe sie die Aufgabe nicht lösen müssen, der Lehrerin sei aber gar nicht aufgefallen, dass ihre offensichtlich liebenswerte Schülerin auf diese Weise die Anstrengung umgangen sei. Den kompletten Artikel findet ihr hier. 

Meine Mit-Bloggerin reflektiert in ihren Texten, wie ich finde, sehr liebevoll und wertschätzend das Leben mit ihren (Adoptiv-) Kindern. Umso mehr verblüfft mich ihre Schlussfolgerung an dieser Stelle und vor allem, wie sie auf das Verhalten ihrer Tochter reagiert. 

In einem weiteren Artikel geht sie auf mögliche Ursachen der „Anstrengungsverweigerung“ ein. Wenn ich meine Mit-Bloggerin richtig verstehe, handelt es sich dabei um eine tiefgehende Störung des Selbstvertrauens. Kinder, die bereits sehr früh, z.B. wegen der Trennung von ihren Eltern oder aufgrund von Verwahrlosung, die Erfahrung hätten machen müssen, dass ihre Grundbedürfnisse (Nahrung, Schlaf, körperliche Nähe) nicht erfüllt worden seien, hätten dadurch gelernt, dass ihr Bemühen, durch Weinen die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu bekommen um z.B. gefüttert zu werden, sinnlos sei. Als Konsequenz habe sich in ihnen ein grundlegendes Gefühl von Hilflosigkeit verfestigt: die Wahrnehmung, selbst nichts an ihrer Situation ändern zu können und es daher letztlich auch gar nicht mehr versuchen zu müssen. Meine Mit-Bloggerin schließt daraus, das solcherart traumatisierte Kinder später auch in anderen Bereichen dazu tendierten aus der tief verwurzelten Angst, „es ja doch nicht zu schaffen“ gar nicht erst zu versuchen, ein Ziel zu erreichen, sondern die dafür erforderliche Anstrengung von vornherein vermieden. 

Aufschieben zur Selbstentlastung

Ich finde diese Erklärung durchaus plausibel und habe selbst schon bei Menschen, die als Kind ähnlich traumatisierenden Lebensumständen ausgesetzt waren, dieses Verhalten wahrgenommen. In der Sozialpsychologie wird hierbei von der Strategie der Misserfolgsvermeidung vs. der Erfolgssuche angesichts äußerer Belastung gesprochen. Auch das Phänomen, unangenehmen Aufgaben ein Stück weit auszuweichen, kennt wohl fast jeder – es hat inzwischen ja sogar einen Namen: die Prokrastination…

Erst einmal mit der besten Freundin einen Schwatz zu halten, die Mikrowelle zu reinigen und den Kühlschrank aufzuräumen, bevor wir uns an das Verfassen der Steuererklärung setzen, gestehen wir Erwachsenen uns durchaus zu. Solange dieses Ausweichverhalten angesichts ungeliebter Aufgaben nicht überhand nimmt, haben wir dafür sogar Verständnis. Letztlich ist es schlicht eine Form der Selbstentlastung. Wir wissen, wir müssen etwas tun, fühlen uns momentan der Aufgabe jedoch nicht gewachsen – und weichen aus. Anstrengungsvermeidung eben…

Druck, um Angst vor Druck zu lösen?

Umso überraschender fand ich die Reaktion meiner Mit-Bloggerin auf das Verhalten ihrer Tochter. Sie berichtet, wie sie darauf bestehe, dass eine Aufgabe genau zu dem von ihr genannten Zeitpunkt zu machen sei. Im Notfall blieben sie eben so lange am Schreibtisch sitzen, bis die Aufgabe erledigt sei. In einem weiteren Artikel (Homeschooling für traumatisierte Kinder) beschreibt sie sogar, dass ihr Sohn während stundenlangen Übens nach der Schule massive Wutanfälle bekomme: 

„Mein Sohn brüllt herum, schreit, schlägt um sich, manchmal wirft er seinen Stuhl um. Am Ende verfällt er meist einfach nur noch in ein verzweifeltes Weinen, aus dem er sich erst nach über einer Stunde wieder beruhigt. Erst dann können wir weiter arbeiten. Vielleicht…“

Ganz offensichtlich sträubt sich etwas massiv in ihm, die gestellte Aufgabe zu genau diesem Zeitpunkt zu erfüllen – obwohl er grundsätzlich durchaus in der Lage ist, sie zu lösen. Ohne äußeren Druck tue er das auch, wie meine Mitbloggerin beschreibt. 

Aber warum besteht die Autorin dann genau in diesem Moment auf ihrer Forderung? Verfestigt sie dadurch nicht gerade das Gefühl ihres Sohnes, der Übermacht der Erwachsenen nichts entgegenzusetzen zu haben? Dass seine Bedürfnisse letztlich nicht zählen? Wir Erwachsenen würden uns nach einem langen Arbeitstag sicher auch lieber der Entspannung widmen, als uns mit Themen, die uns ohnehin Angst einjagen, zu konfrontieren. Warum gestehen wir unseren Kindern diese Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und auch Selbstfürsorge oft gar nicht zu? Sind Kinder „junge Wilde“, die – notfalls mit Zwang – dazu genötigt werden müssen, sich sozialkompatibel zu verhalten? Oder noch subtiler: meinen wir, sie vor sich selbst schützen zu müssen? 

Warum gehen wir so leicht davon aus, dass unsere Maßstäbe (z.B. gute schulische Leistungen) die richtigen sind und der Weg, den wir für unsere Kinder vorsehen, tatsächlich der ist, der sie glücklich macht? Wieviel Freiheit geben wir unseren Kindern, auch gerade, wenn sie nicht unserem Weg folgen? Wenn wir am liebsten ändern wollten, was sie in sich tragen? Das ist für mich als Mutter eine sehr wichtige Frage.

Was mein Sohn mich lehrt…

Abschließend möchte ich eine Situation skizzieren, in der ich selbst – wieder einmal – viel von meinem Sohn gelernt habe: Nach einem langen Arbeits – und Kindergartentag waren wir beide erschöpft. Mein Sohn (3) fing an, mit hundert Dingen zu spielen (Eisenbahn, Puzzle, Spielzeugautos, Bilderbücher etc.), konnte sich aber auf nichts mehr wirklich konzentrieren. Innerhalb kürzester Zeit sah sein Kinderzimmer aus, als sei dort eine Bombe eingeschlagen: überall verstreut lag sein Spielzeug, dazwischen Kleidungsstücke, die er aus irgendeinem Grund aus dem Schrank geräumt hatte. Da es auf sieben Uhr zuging hatten wir beide Hunger. Ich hatte aber noch nichts zum Abendessen vorbereitet. Gereizt bat ich meinen Sohn, zumindest einen Teil des Spielzeugs in die dafür vorgesehene Kiste zu räumen, während ich uns etwas kochte. Seine Antwort rundheraus: „Nö. Du, Mami!“ Sekundenlang schossen mir Gedanken durch den Kopf wie: „Unmöglich, kaum drei, benimmt sich mein Sohn wie ein kleiner Pascha!“ oder auch: „Das kann ich ihm jetzt nicht durchgehen lassen, sonst hilft er beim nächsten Mal erst recht nicht mit!…“ Müde wie ich war und nachdem ich davor, länger als ich eigentlich Lust hatte, mit ihm gespielt hatte, fühlte ich sogar, wie einen Moment lang der Gedanke in mir aufstieg: „Unmöglich – wie undankbar!“

Zum Glück atmete ich dann tief durch, schnappte mir meinen kleinen Halunken und erklärte ihm in ruhigem Ton, ich sei müde, er habe das ganze Spielzeug aus dem Schrank geräumt und ich habe keine Lust, es jetzt aufzuräumen, da ich auch noch das Abendessen machen müsse. Ob er eine Idee habe, was wir da tun könnten? Seine Antwort verblüffte mich. „Klar, Mama!“ Eben noch voller Widerstand, strahlte er mich auf einmal an: „Ich mache das Abendessen für uns!“

Tja, und das tat er dann… An diesem Abend gab es für uns beide jeweils eine große Schüssel Müsli mit frischem Saft. Schälchen, Becher, Besteck, Milch und Getränke holte mein Großer mit seinen gerade 3 völlig eigenständig aus Kühlschrank und Regalen und deckte den Tisch für uns – während ich sein Zimmer aufräumte. Wenig später saßen wir tatsächlich beim Abendessen, beide sehr zufrieden – und ich hatte wieder einmal etwas gelernt: 

Mein Weg ist nicht der einzig mögliche. 

Und: 

Willst du, dass deine Kinder ihre Probleme selbst lösen, schenke ihnen das Vertrauen, sie es auf ihre Weise machen zu lassen!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Ganz herzlichen Dank an Charlotte für deine inspirierenden Beiträge. Ich hoffe, du fühlst dich von meiner kritischen Auseinandersetzung mit deinen Artikeln nicht angegriffen! Wie immer freue ich mich über Reaktionen und Kommentare! 🙂

November-Gewömsel

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Gestatten: Novembergewömsel. 

Das Alltagsgewusel an einem Novembertag: Einkaufen, Wäsche waschen, Hosen bügeln, für die Arbeit Notizen machen, im Tagebuch kritzeln, unmotiviert ein paar Takte auf dem Klavier klimpern, Kind vom Kindergarten abholen, Essen richten, im Netz surfen während Kind Mittagsschlaf macht usw. 

Das ganze kombiniert mit Temperaturen um 0 Grad draußen und grau verhangenem Himmel sowie stickiger Heizungsluft drinnen und einer Mischung aus Lethargie und Gereiztheit: Es sollte sich was bewegen – aber was?

Laaaaangweilig!

Kinder benennen das mit dieser langgezogenen Form von „Laaaangweilig!“, die auch immer mehr als pure Langeweile enthält. Ein allgemeines Unwohl- und Unwilligsein, eine Trübung des Gemüts. 

Novembergewömsel ist auch der Zweifel, der anklopft um zu fragen: macht das alles noch Sinn? Dein Blog, dein Engagement, das Leben vor Ort in der großen Stadt. Du kickst eine Kippe aus dem Weg, die hier überall liegen gelassen wurden und möchtest nur knurren: „Lasst mich in Ruhe!“ – Oder wahlweise: „Tut doch was!“ „Hört mich, seht her!“ So weit liegt das gar nicht auseinander. 

Gestatten: Ich mag heute nicht. Ich bin beleidigt. Keine weiteren Ziele, Projekte, Vorhaben. Wenn keiner auf die Beiträge in meinem Blog antwortet, schreibe ich eben keine mehr, bzw. schreibe welche, aber stelle sie nicht ins Netz. Wenn sich der Himmel nicht klärt, bleib ich zuhause – und überhaupt. 

Novembergewömsel ist auch dieses Gran Selbstmitleid („Ach du weh, ich Arme!“) und Selbstgerechtigkeit („Nur mir geht’s schlecht!…“)

Sch… egal. Darf auch mal sein. Übrigens auch Ende Oktober. Macht’s gut, ich bin dann mal weg.

Komme schon wieder – aber heute nicht mehr. 

Grüße, Sunnybee

PS. A propos Wortneuschöpfungen: Die Rezension eines ganzen Buchs über ungewöhnliche – und fast unübersetzbare – Wörter findet ihr in dem wunderbaren Blog Lesen… in vollen Zügen. Danke, Andrea, immer wieder für die Inspiration! 🙂

PPS. Wollt ihr in einem Blog von einer Frau lesen, die ganz und gar unlethargisch ihre echten Probleme anpackt, dann besucht Samybee. Danke, dein Mut und deine Tatkraft inspirieren mich gerade oft!

Herbstparade

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Es knospet unter den Blättern – das nennen sie Herbst.“

Dieses Kurzgedicht der Lyrikerin Hilde Domin drückt für mich wunderbar die „Zweigesichtigkeit“ des Herbstes aus: in der leuchtenden Farbenpracht der Natur liegt bereits deren Vergänglichkeit – und unter den von den Bäumen gewehten Blättern ruhen die neuen Triebe.

Herbst ist für mich: Farbe.

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Herbst ist für mich: Abschied.

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Herbst ist für mich: Möglichkeit.

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Vielen Dank für die Inspiration zu diesem Blogbeitrag an Bloggerin Anja von der Kellerbande und an Cornelia von Silvertravellers, die diese „Blogparade“ ins Leben gerufen hat! 🙂

Herzlich, Sunnybee

 

Julia M.: „Ich will, dass wir es zusammen schön haben!“

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Julia ist zum Zeitpunkt unseres Gesprächs seit sechs Monaten vom Vater ihrer 2-jährigen Tochter getrennt. Während unserer Unterhaltung beeindruckt mich die Ernsthaftigkeit und Offenheit, mit der sie auf meine Fragen eingeht. Ihre Fähigkeit, sowohl ihr eigenes Verhalten als auch das anderer sehr sensibel und bewusst zu hinterfragen, habe ich seitdem immer wieder als bereichernd erlebt. Als ich ihr einige Wochen nach unserem Gespräch das fertig redigierte Interview zu lesen gebe, fällt uns auf, wieviel seitdem bereits wieder geschehen ist: nichts im Leben ist endgültig – auch das eine Erkenntnis, die für mich mit den Gesprächen mit Julia verbunden ist!

Du bist berufstätig und hast eine Tochter. Wie würdest du deiner Tochter deinen Beruf beschreiben?

Da ich Ärztin bin, können ja selbst Kinder schon recht viel mit meinem Beruf anfangen. Ich würde ihr erklären, dass ich jeden Tag viele Menschen sehe, die mit gesundheitlichen Problemen zu mir kommen und dass ich versuche herauszufinden, wie ich den Menschen helfen kann. Meine Tochter ist erst zwei und hat erst vor kurzem angefangen, überhaupt den Begriff ‚Arbeit‘ zu verwenden. Ich habe aber den Eindruck, dass er für sie gleichbedeutend mit ’nicht anwesend sein‘ ist. Wenn sie aus dem Raum geht, sagt sie: „Tschüss – Arbeit“ [lacht].

Welchen Einfluss hat deine Arbeit in Bezug auf euren gemeinsamen Alltag?

Ich arbeite ungefähr 20-25 Stunden pro Woche, auf vier bis fünf Tage verteilt. An drei Tagen arbeite ich vormittags: während dieser Zeit ist meine Tochter in einer Spielgruppe. Sie ist dadurch eben ein paar Stunden ohne mich, aber die Spielgruppe tut ihr meinem Eindruck nach wirklich gut. Wenn ich danach von der Arbeit komme konzentriere ich mich auch ganz auf meine Tochter und wir genießen die gemeinsame Zeit. Nur an einem Tag arbeite ich nachmittags: da verbringen wir den Vormittag zusammen, bevor sie durch meine Mutter oder Freunde betreut wird – an diesem Tag bin ich schon immer sehr angespannt, da ich zu einem bestimmten Zeitpunkt leistungsfähig und an einem bestimmten Ort sein muss. Ich bin dann auch nicht so geduldig und einfühlsam meiner Tochter gegenüber, was mir leid tut. Aber das ist eigentlich nur an diesem einen Tag so. Insgesamt fühle ich mich dadurch, dass ich wieder arbeite, eher ausgeglichener und glücklicher. Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, ausschließlich mit meiner Tochter zuhause zu sein, wie z.B. im Jahr meiner Elternzeit. Das wäre nicht gut für mich und damit auch nicht für meine Tochter… [lacht]

Was hat dein Beruf für eine Bedeutung für dein Selbstbild?

Meinen Beruf auszuüben bedeutet für mich, ein paar Stunden zu haben, die nur mir gehören. Früher habe ich das überhaupt nicht so empfunden: Die Zeit, die ich mit meiner Arbeit verbracht habe, war genau die Zeit, die ich nicht für mich hatte. Aber mit Kind hat sich das grundlegend verändert: Die Stunden, in denen ich arbeite sind jetzt die, in denen ich „Erwachsenengespräche“ führe und Gedanken zu Ende denken kann. Die Medizin an sich und die Begegnung mit Menschen ist etwas, das mir einfach großen Spaß macht und zu mir gehört. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht, wenn meine Tochter älter ist, wieder Kapazität habe, mehr zu arbeiten. Im Moment, mit ihr als Kleinkind, das einfach noch viel Betreuung und Aufmerksamkeit braucht, empfinde ich diesen Arbeitsumfang als perfekt. Mir hat, ehrlich gesagt, meine Arbeit noch nie so viel Spaß gemacht hat wie jetzt, in dieser Kombination, mit Kind und Arbeit.

Du lebst seit etwa einem halben Jahr getrennt vom Vater deiner Tochter. Welche Auswirkungen hat das für deinen Alltag?

Seit der Trennung muss ich viel mehr auf Leute zugehen und andere um Gefallen bitten. Wir hatten z.B. eine Kinderbetreuung, die erst um neun Uhr angefangen hat; ich fange aber um acht Uhr an zu arbeiten und mein Ex-Partner hat vor der Trennung unsere Tochter morgens zur Kinderbetreuung gebracht. So war nach der Trennung einer der ersten Schritte, dass ich die Spielgruppenbetreuerin gefragt habe, ob es für sie denkbar wäre, dass ich unsere Tochter 11/2 Stunden früher bringen könnte. Das war tatsächlich möglich, was mich sehr freute, da ich weiß, dass sich unsere Tochter dort sehr wohl fühlt. Auch mein Arbeitgeber ist mir zum Glück in Bezug auf meine Arbeitszeiten entgegengekommen. An einem Morgen beginne ich meine Arbeit jetzt etwas später und diesen Morgen genieße ich sehr, da ich dann morgens ungefähr eine Viertelstunde Freizeit habe. In der Zeit gehe ich immer auf eine Tasse Kaffee zum Italiener. Im Ganzen hat sich aber gar nicht so viel geändert in Bezug auf die Alltagsorganisation, weil sich mein Ex-Partner auch vor der Trennung wenig um die Betreuung unter der Woche gekümmert hat.

Also scheinen zwei Konsequenzen eurer Trennung zu sein: Du hast sehr viel Kontakt zu Menschen außerhalb deiner Familie, auch einfach, weil du Unterstützung benötigst – und du hast einen sehr durchstrukturierten Alltag?

Dieser durchgeplante Alltag gibt mir auch Sicherheit. Ich war immer ein eher chaotischer Mensch und jetzt habe ich für mich z.B. einen festen Tag eingeführt, an dem ich den Wocheneinkauf mache. Dafür lege ich schon davor fest, was ich an welchem Tag koche. Auch einen festen Putztag möchte ich einrichten… Ich merke einfach, das gibt mir Sicherheit. Sonst denke ich immer: oh, irgendwann musst du noch einkaufen gehen und wer weiß, wann? So weiß ich einfach, den Einkauf machst du immer an diesem Tag und damit ist er auch erledigt.

Würdest du dich selbst als alleinerziehend beschreiben?

Nein, eigentlich nicht. Der Vater meiner Tochter betreut sie momentan zwar nur jedes zweite Wochenende. Das ist im Prinzip wenig Zeit, wenn auch nicht weniger, als er vorher mit ihr verbracht hat… Und dennoch würde ich mich eher als ‚getrennt erziehend‘ als als alleinerziehend bezeichnen. Mein Ex-Partner spielt schon noch eine große Rolle für meine Tochter. Ganz allein bin ich da auf jeden Fall nicht. Und natürlich sind auch noch ganz viele andere Leute an der Erziehung beteiligt. Gerade die Tagesmutter ist z.B. auch eine sehr wichtige Person, von der ich in der Trennungszeit, als ich besorgt war, welche Auswirkungen die Trennung für mein Kind hat, immer wusste: sie bleibt auf jeden Fall eine Konstante. Das war für mich ein tröstlicher Gedanke. Die beiden haben eine innige Beziehung und unsere Tagesmutter ermöglicht uns vieles: durch ihre Flexibilität spielt sie schon eine große Rolle in unserem Erziehungsalltag. Und dann ist da natürlich meine Mutter, die mich oft unterstützt und einige Freunde, die auch flexibel einspringen, wenn ich außer der Reihe mal einen Tag mehr arbeiten muss. Also, alleinerziehend bin ich definitiv nicht.

Das heißt, du hast wirklich ein Netz an Menschen, die dich unterstützen. Hast du dir das seit der Trennung erarbeitet oder bestand das schon davor?

Dieses Netz gab es schon davor, es ist nur noch engmaschiger geworden. Es war einfach klar, dass ich jetzt noch stärker darauf angewiesen bin und alle haben dankenswerterweise auch gesagt, sie sind für mich da und versuchen zu helfen, wo es geht. Gleichzeitig merke ich: ich bin schon in einer blöden Situation, weil ich ständig um Hilfe bitten muss. An manchen Tagen finde ich das auch wirklich unangenehm. Jetzt im Sommer habe ich z.B. Urlaubssperre, die Tagesmutter steht aber für einige Wochen nicht zu Verfügung, ebenso wenig wie der Vater meiner Tochter. Da genügend Leute zu finden, die unser Kind betreuen können während ich arbeite, ist schon wirklich aufwendig.

Das heißt, die Verantwortung für die Organisation liegt bei dir, lag aber auch schon in eurer Beziehung bei dir?

Ja, im Prinzip hat sich das kaum verändert, es ist jetzt nur eindeutiger… [lacht] Das macht es in gewisser Weise auch einfacher für mich. Bereits in der Beziehung hatte ich die volle Verantwortung für die Organisation. Das fand ich ziemlich ungerecht und wir hatten auch häufig Diskussionen darüber. Uns war es aber nicht möglich dabei wirklich zu einer Einigung zu kommen. Jetzt ist einfach klar: ich habe die ganze Verantwortung und letztendlich läuft es besser so. Auch die Arbeit fällt mir leichter. Vor der Trennung haben mich die Konflikte zuhause so in Beschlag genommen, dass ich meinen Patienten gar nicht meine volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Ich genieße sehr, dass das Energieloch durch die Konflikte in unserer Beziehung jetzt nicht mehr besteht. Ich habe auch das Gefühl, wieder mehr Kontrolle über mein Leben zu haben. Für mich hat es also auf jeden Fall auch positive Seiten, dass ich das jetzt alles alleine regle.

Seit eurer Trennung ist ein halbes Jahr vergangen. Was gab es für Hürden und Schwierigkeiten während eurer Trennung, was ist euch gut gelungen?

Sehr schwierig ist nachwievor, dass ich mit meinem Ex-Partner nur sehr schwer besprechen kann, wenn Veränderungen anstehen oder ich nicht einverstanden damit bin, wie wir etwas geregelt haben. Die Kommunikation zwischen uns ist oft noch schwierig. Im Verlauf der Trennung waren wir auch häufiger in der Beratung eines Familienzentrums. Für mich war das hilfreich: Ich wusste immer, hier kann ich Dinge besprechen, ohne dass mein Ex-Partner sich komplett verschließt oder mich angreift und abwertet. Ich wusste, das ist ein geschützter Raum, in dem ich Dinge besprechen kann, die mir, auch in Bezug auf unsere Tochter, wichtig sind. Wir waren drei oder vier Mal bei der Beratungsstelle. Ursprünglich sind wir dort noch als Paar hingegangen, um die Beziehung zu erhalten. Aber letztlich war es der Ort, an dem ich mich in geschütztem Rahmen getrennt habe. Die Beratenden dort haben uns auch direkt angeboten, weiter zu kommen um die ersten Schritte nach der Trennung zu besprechen. Das war auch gut. Ich würde das jeder Zeit wieder in Anspruch nehmen. Leider muss man relativ lange auf Termine warten.

Grundsätzlich gab es im Verlauf der Trennung also schon die Bereitschaft deines Ex-Partners, Dinge zu besprechen?

Das ist von Mal zu Mal sehr verschieden. Ich versuche bereits, die Momente abzupassen, in denen er offen für ein Gespräch ist. Kürzlich wollte ich z.B. etwas mit ihm besprechen, das hat er jedoch komplett abgewehrt. Als wir einige Tage später wieder Kontakt hatten war er jedoch ruhiger und wir konnten auch eine Lösung finden. Andererseits gelingt es uns über weite Strecken schon gut, den Umgang für unsere Tochter relativ ruhig und regelmäßig zu gestalten. Die Situationen, in denen sie uns zusammen erlebt hat, sind überwiegend – nicht entspannt, das ist das falsche Wort [lacht] – sie sind friedlich verlaufen.

Das heißt, eure Verantwortung als Eltern nehmt ihr beide wahr. Hast du einen Eindruck, wie eure Tochter die Trennung erlebt?

Ich glaube, dass sie die Trennung nicht wirklich als ‚unsere‘ Trennung als Paar erlebt hat, sondern eher als ihre Trennung. Die Folge für sie ist, dass ihr Papa jetzt nicht mehr immer da ist. Auch wenn er sie während der Beziehung nicht häufig betreut hat, war er doch anwesend und sie hat ihn jeden Tag gesehen. Das ist für sie, denke ich, der größte Einschnitt und sie äußert das auch immer wieder. Ich habe den Eindruck, dass die zwölf Tage, in denen sie ihn nicht sieht, für sie eigentlich zu lang sind. Daher haben wir jetzt gerade beschlossen, dass mein Ex-Partner sie zwischen den Wochenendtreffen noch einmal sehen soll.

Telefoniert eure Tochter mit ihrem Vater in der Zeit, in der sie bei dir ist oder umgekehrt an den Wochenende, an denen sie bei deinem Ex-Partner ist?

Das haben wir am Anfang gemacht, aber ich hatte den Eindruck, dass es nicht wirklich gut für sie war, deswegen machen wir es momentan nicht mehr. Allerdings schicken wir uns gegenseitig Fotos von ihr und schreiben auch per Textnachricht über lustige Dinge, die wir mit ihr erlebt haben oder über neue Schritte in ihrer Entwicklung.

Ihr tauscht euch also noch regelmäßig über eure Tochter aus, über das Organisatorische hinaus. Das ist ja noch eine Art Verbindung und auch Verbundenheit. Wie gehst du damit um?

Der Kontakt spielt sich für mich ganz klar auf der Elternebene ab. Ich habe schon den Eindruck, dass wir auf der Paarebene strikt getrennt sind. Und andererseits finde ich es einfach normal, dass mein Ex-Partner Freude daran hat, an dem Anteil zu nehmen, was sein Kind in der Zeit macht, in der es nicht bei ihm ist. Und für mich ist es auch schön meine Freude an meinem Kind zu teilen. Natürlich ist ihr Vater da auch eine Person, an die ich dabei denke. Solange ich den Eindruck habe, dass es ihm Freude macht von ihr zu lesen, werde ich ihm auch weiter Nachrichten und Bilder schicken.

Ist euer Kontakt also eher etwas, das den Prozess der Trennung erleichtert oder erschwert?

Unsere Paarbeziehung hatte sich bereits aufgelöst, während wir noch zusammen wohnten. Für mich besteht die Paarebene daher schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr. Aber das Menschliche kann man ja nicht endgültig trennen, wenn man Eltern ist… Und natürlich ist daran auch negativ, dass ich sehr aufmerksam und sensibel bin, aus der Angst heraus, dass sich sein Unmut wieder gegen mich richten könnte oder aber, dass er über unsere Tochter etwas ausleben könnte, das sich eigentlich gegen mich richtet. Ich wünsche mir, dass sich seine Stimmungen und Launen nicht so stark auf unseren Kontakt auswirken. Unsere Entscheidungen und Handlungen sollten sich nach dem Wohl unserer Tochter richten, natürlich unter der Bedingung, dass es uns auch gut damit geht. Ich wünsche mir, dass in unseren Kontakt nichts hineinspielt, was mit seinem oder meinem Ego zu tun hat.

Empfindest du in dieser Situation, die ja sicher oft auch schwierig ist, deinen Beruf eher als etwas, das dir Kraft gibt oder als zusätzliche Belastung?

Eindeutig als etwas, das mir Kraft gibt! Dabei habe ich meinen Beruf vor der Geburt und der Trennung eigentlich immer als belastend und überfordernd erlebt. Aber jetzt empfinde ich ihn als wirklich stabilisierend. So schwierig es in den größten Chaoszeiten war, mich morgens hinzusetzen, mich zu sammeln und für meine Patienten eine gewisse Kraft und Ruhe auszustrahlen, so sehr hat mir das auch geholfen. Ich arbeite zum Glück in seinem sehr wertschätzenden Umfeld in Bezug auf meine Kolleginnen und Kollegen und auch meine Patienten. Das gibt mir immer wieder Kraft. Und da sich meine berufliche Situation geändert hat, machen die Begegnungen mit Menschen inzwischen einen großen Teil meiner Arbeit aus. Auch die Möglichkeit, durch die Arbeit eine andere Rolle auszuüben als die der getrennt erziehenden Mutter tut mir gut. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass ich mir den Luxus leisten kann, so wenig zu arbeiten. Es wäre wohl etwas anderes, wenn ich 40 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten müsste. Dann würde ich meine Arbeit vermutlich hauptsächlich als belastend und kräftezehrend empfinden.

Gibt es etwas, worauf du stolz bist, mit Blick auf die letzten Monate?

Ich bin stolz darauf, dass es mir gelungen ist, unseren Alltag so einzurichten, dass er „rund“ läuft. Ich bin auch stolz darauf, dass es uns allen dreien – bei meinem Ex-Partner kann ich es natürlich nicht abschließend beurteilen – deutlich besser geht. Besonders bei meiner Tochter und mir merke ich, dass wir emotional viel, viel stabiler und zufriedener sind als zuvor. Und ich bin schon stolz, dass uns das bis jetzt so gut gelungen ist.

Gibt es etwas, was du anderen, noch nicht lange getrennt lebenden Eltern, mitteilen möchtest?

Ich kann nur sagen, dass ich in den letzten Monaten ganz stark die Erfahrung gemacht habe, dass der etwas abgenutzte Spruch „Wenn es dir gut geht, geht es deinem Kind gut“ stimmt. Meine Tochter hat mir das deutlich gezeigt und ich kann nur empfehlen, diesen Gedanken zu beherzigen. Mir ist auch immer wichtig, dass es meinem Ex-Partner in der Zeit, die unsere Tochter mit ihm verbringt, gut geht, denn sonst wird sie die Zeit bei ihm nicht genießen können.

Was hat dir geholfen seit der Trennung?

Zunächst einmal die Trennung selbst. Und natürlich die Menschen, die mich umgeben. Ich habe zum Glück relativ schnell wieder Kraft verspürt neue Menschen kennen zu lernen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich gerade. Das ist schon wichtig für mich. Auch wenn ich schon ein gutes Netzwerk hatte, waren das hauptsächlich Menschen, die ich aus der Schwangerschaft und aus dem ersten Babyjahr kannte und von diesen hat sich niemand getrennt. Und ich merke, dass meine alten Freunde mit einigen Themen, die mich seit der Trennung beschäftigen, nicht viel anfangen können. Diesbezüglich hat es sehr gut getan, andere Allein- oder Getrennterziehende kennen zu lernen, aber auch einfach Menschen ohne Kind. In den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass mir vor allem diese Kontakte sehr helfen. Denn für all die Dinge, die ich früher gemacht hätte, damit es mir gut geht – Sport, Hobbys – habe ich schlicht keine Zeit!… [lacht] Ich habe natürlich auch das Glück, dass meine Arbeit mir so viel Freude bereitet. Und ich habe mich schon vor der Trennung mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigt und mir Wege erarbeitet, wie ich mit belastenden Situationen umgehen kann. Und dennoch ist es bei weitem nicht so, dass ich immer ausgeglichen und entspannt bin… Ich habe auch eine Therapeutin, die mich vor und während der Trennung begleitet hat: das ist auch hilfreich für mich.

Das klingt so, als ob es dir gut gelingt, für dich zu sorgen?

[Beginnt auf einmal zu weinen] Es ist ein Gleichgewicht, das ich immer wieder neu erringen muss. Das kostet einfach wirklich viel Kraft und Energie. Ich merke immer wieder, dass ich dieses Gleichgewicht zu verlieren drohe – daran muss ich ganz bewusst arbeiten. Aber das mache ich. [lacht] Schon aus reinem Überlebenswillen! Und irgendwie ist es mit einem Kind ja auch so, dass man sich nicht heulend und depressiv in die Ecke setzen kann. Meine Tochter hilft mir also auch: einerseits dadurch, dass sie mich, so fröhlich und witzig wie sie ist, immer wieder aufheitert, aber auch dadurch, dass einfach klar ist, ich muss für sie da sein. Das ist mein ganz starker Wunsch: ich will, dass wir es zusammen schön haben!

Das ist eine wirklich liebevolle Aussage. Vielen Dank für unser offenes Gespräch!

Familienwerte: Was „Familie sein“ nach einer Trennung bedeutet

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Ein-Eltern-Familie, Patchwork, getrennt erziehend mit Kind: eine Trennung bringt immer auch die Notwendigkeit mit sich, neue Formen des „Familie Seins“ zu definieren und zu leben. 

Mich interessiert, wie ich überhaupt zu dem (inneren) Konzept einer Familie komme; was also ist mein ganz persönliches Idealbild des Familienlebens und wovon muss ich mich nach einer Trennung gegebenenfalls verabschieden, beziehungsweise was muss ich überdenken und neu justieren?

Was ist „Familie“ für mich? 

Familie: Ist das für mich das „klassische“ Papa-Mama-zwei Kinder-Modell, möglicherweise mit dem Vater als berufstätigem Ernährer, während die Mutter die Fürsorge für die Kinder übernimmt? Oder war es bereits in meiner Kindheit das Erleben getrennt lebender Eltern, mit neuen Partnerinnen und Partnern, „zugeheirateten“ Geschwistern und zahlreichen Großelternpaaren, die mir näher oder ferner standen? Oder aber das Zusammenleben mit „Wahlverwandten“, mit Freunden, Patenonkeln oder -tanten, Erziehern oder Lehrern, die eine wichtige Rolle in meiner Entwicklung spielten?

Erlebte ich Familie als Kind als etwas „Unumstößliches“, ein in sich geschlossenes, nicht zu hinterfragendes System – oder machte ich schon damals die Erfahrung, dass Beziehungen beginnen, aber auch enden können und dass dabei eine neue Ordnung – oder eben zusätzliches Chaos – entstehen kann?

Was mich geprägt hat präge ich

Das alles prägt, wie ich selbst Familie lebe, wonach ich mich sehne, was ich zu vermeiden, aber auch zu erhalten versuche. Möchte ich meinem Kind eine Trennung um jeden Preis ersparen, weil ich die Trennung meiner eigenen Eltern als so schmerzlich erlebt habe? Oder vollziehe ich umgekehrt den Schritt zur Trennung, weil ich mein Kind nicht zwischen sich bekriegenden Eltern aufwachsen lassen möchte? Eine sehr innige, symbiotische – oder auch abhängige – Beziehung meiner Eltern zueinander kann dazu führen, dass ich mir schwöre, mich gerade nicht von meinem Partner oder meiner Partnerin abhängig zu machen – oder dass ich andererseits die Symbiose suche und im Fall einer sich abzeichnenden Trennung in Panik gerate, da ich mir nicht vorstellen kann, wie ich ohne meinen Partner oder meine Partnerin leben soll…

Der Blick zurück bringt für die Gegenwart Klarheit 

Der Blick auf meine Herkunftsfamilie kann dabei sehr hilfreich sein. Oft leben ja gerade Geschwister die „Pole“ der Elternbeziehung nach: da führt der Bruder die langjährige enge Beziehung, gegen die sich die Schwester regelrecht zu wehren scheint. Da ist „Familie“ für die einen der Ort, der unantastbar bleiben soll, an dem z.B. die Beziehungen der Eltern nicht hinterfragt werden soll, oder aber sie ist der Ort der heftigsten Konflikte sowie, im positiven Sinn, der intensivsten Auseinandersetzung, mit sich selbst und den „Anderen“, die einem am nächsten stehen.

Bin ich streitlustig oder eher konfliktscheu, gehe ich bereitwillig auf Unbekanntes zu oder möchte ich eher das Bestehende bewahren – das alles hat oft seinen Ursprung in den Erfahrungen, die ich in meiner Herkunftsfamilie gemacht habe. Dementsprechend lohnen sich, sowohl während einer Trennung, als auch im Rahmen einer (noch) intakten Beziehung wohl die Fragen: 

Wie haben meine Eltern ihre Beziehung gelebt und was davon erscheint mir erstrebenswert, bzw. was versuche ich zu vermeiden?

• Wie sind meine Eltern mit mir als Kind umgegangen und was davon finde ich in meinem Umgang mit meinem/n eigenen Kind/ern wieder?

• Was haben meine Eltern an mir kritisiert und was kritisiere ich an meinen Kindern?

• Was an mir hat sie mit Stolz erfüllt und worauf bin ich bei meinen Kindern stolz?

• Waren getrennt lebende Familien und Familienkonstellationen außerhalb des Vater-Mutter-Kind-Schemas in meiner Kindheit präsent oder „gab es sowas nicht“?

• Wie wurde in meiner Kindheit darüber gesprochen, wenn jemand oder etwas scheiterte? Wie gehe ich selbst mit den Themen Verantwortung, Schuld und Scheitern um?

• Was war in den Augen meiner Eltern „schwach“ und wie reagierten sie darauf? Wie gehe ich mit eigener Schwäche und der Schwäche anderer um?

• Wofür möchte ich meinen Eltern danken? Worin waren – und sind – sie mir ein Vorbild? 

• Was sollen meine Kinder mit meiner Herkunftsfamilie erleben? Was sollen sie durch mich von ihr erfahren? 

Mit meiner Art, „Familie“ zu leben schreibe ich auch die Geschichte meiner Herkunftsfamilie weiter. Egal, ob ich mich von ihr abzugrenzen versuche oder Aspekte aus ihr übernehmen möchte – ich lebe, als Beziehungspartner oder -partnerin ebenso wie als Mutter oder Vater, nicht im „luftleeren Raum“: was mich geprägt hat, beeinflusst meinen Blick auf die Welt und mein Verhalten weiterhin, gerade auch, wenn ich mich stark davon abzugrenzen versuche. 

Mit meiner Herkunftsfamilie „den Frieden zu machen“ und die Prägung durch sie anzuerkennen kann mich gerade dann stärken, wenn ich Veränderungen in meiner eigenen, selbst gewählten, Familie hinnehmen muss. Egal ob bei einer Trennung, bei Konflikten innerhalb meiner noch bestehenden Partnerschaft oder mit meinen Kindern – der Blick zurück lohnt sich: für Klarheit, für eine genauere Wahrnehmen meiner selbst und anderer, für ein besseres Verständnis dessen, wer ich war, wer ich bin – und wer ich sein möchte. 

Herzlichen Gruß und alles Gute! Sunnybee

Blumen gießen im Seelengarten

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In letzter Zeit denke ich viel über die Themen Annehmen und Geben nach.

Nachmittags komme ich von meiner Arbeit. Ich fühle mich erschöpft und seltsam bedürftig. Was ist passiert? Unsere Schule ist ein Ort, an dem durchaus Gutes geschieht, Kolleginnen und Kollegen sowie Schülerinnen und Schüler engagieren sich für das Schulleben und auch der Umgangston zwischen Schulleitung und Kollegium ist meist höflich und zugewandt. Was fehlt, ist meiner Meinung nach das Gefühl, eine wirkliche „Gemeinschaft“ zu sein. Man achtet sich, arbeitet konstruktiv miteinander – aber nach Arbeitsende scheint jeder froh zu sein, die Schule verlassen zu können. Es fehlt ein wenig das Vertrauen: hier werde ich nicht allein nach meiner Außenwirkung und Leistungsfähigkeit beurteilt. Hier kann ich meine Stärken einbringen, ohne meine Schwächen vertuschen zu müssen. Eigentlich etwas Essentielles in einem Beruf, der so stark von der Interaktion zwischen Menschen geprägt ist. Ein wirklich von Herzen kommendes Geben und Nehmen: Echtheit im Miteinander.

Störung der „Herzenergie“ – und wie sie behoben werden kann

Auf dem Heimweg wähle ich einen anderen Weg als sonst und setze mich für zwei Stunden in den wunderschönen botanischen Garten unserer Stadt. Während ich mich in das Buch eines Autors vertiefte, den ich schon lange schätze (Jorge Bucay: „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“), beginne ich mich zu entspannen und zu verstehen, was mich in den Stunden zuvor erschöpft hat. 

Nach einiger Zeit klingelt mein Telefon: eine gute Freundin braucht meine Hilfe. Ich biete sie ihr an, freudig, ohne Zögern. Sie freut sich und ich staune, wie beschwingt ich mich auf einmal fühle. Es ist, als löse sich ein Knoten in mir; die Möglichkeit, ihr zu helfen, beschenkt mich selbst. Ja, das ist das „Wasser“, das die Blumen in meinem Seelengarten wachsen lässt! Ein Geben, das aus dem Herzen kommt. Ohne die Furcht, „zuviel“ von mir zu verschenken, mich zu weit zu öffnen. Aber auch nicht ein „haltloses“ Sich-Verschenken ohne innere Überzeugung, aus der Bedürftigkeit heraus, gemocht, und anerkannt zu werden.

Gestärkt durch den „Austausch“ mit Jorge Bucay und die Zeit an einem Ort, der mir gut tut, konnte ich mein Herz öffnen und durch mich fließen lassen, was ich als das eigentliche Geschenk empfinde: die Freude daran, einem anderen Menschen Freude zu bereiten, mein Herz zu schenken ohne die Angst, es zu verlieren.

Danke für dein Mitlesen! Herzlichen Gruß, Sunnybee 

PS. Wunderbar passend zum Thema: das Gedicht „zu nehmen und zu geben“ meines Mitbloggers Lyrifant! 🙂