Auf der Säule. Was uns ein alter Heiliger über die Liebe sagt

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Zu Beginn des 5. Jahrhunderts nach Christus lebte Symeon Stylites auf einer Säule. Der Legende nach verbrachte er mehrere Jahrzehnte auf deren Kapitell, ernährt über Leitern und seelisch ‚genährt’ durch Gebete und Askese. Entfernt von der Welt, versuchte er zu einer besonders innigen Gemeinschaft mit Gott zu finden.

Die Leute sahen sicher mit Staunen, vielleicht mit Bewunderung oder auch mit ungläubiger Scheu zu ihm hoch: „Dass der das durchhält!“, „Der traut sich was!“, „Der spinnt doch!“, „Das könnte ich nicht!“ Und nach einer Weile vielleicht auch: „Warum tut der das?“, „Was lehrt mich das?“, „Was verstehe ich durch ihn?“

Die Welt von oben

Wie mag wohl die Welt für ihn da oben ausgesehen haben? Stille. Das alltägliche, geschäftige Treiben weit entfernt. Vermutlich auch karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend, bei brennender Hitze, Sturm, Blitz und Donner: exponiert, ungeschützt. Letztlich jedoch aber wohl doch geborgen, in tiefes Gespräch/Gebet versunken mit einem Gegenüber, dem sich Symeon Stylites zumindest zeitweise wohl verbundener fühlte als seinen weltlichen Kontakten.

Ich empfinde uns Allein- und Getrennterziehende manchmal, als säßen wir auf einer solchen (inneren) Säule. Um uns pulsiert das Leben: Kinderbetreuung, Einkauf, Lohnabrechnung, Besprechungen mit Kollegen. Wir gehen auf all das ein, organisieren und gestalten unser Leben – aber ein Teil von uns bleibt „in sicherem Abstand“, oben auf der Säule…

Was ist das für ein Teil? Eigentlich jede/r, der allein- oder getrennterziehend ist hat einen Verlust erlebt. Eine Ehe ist gescheitert, eine Beziehung hat nicht harmoniert oder ist gar nicht erst zustande gekommen. Wir haben das verloren, was eine „harmonische Familie“ hätte sein können. Tut das weh? Natürlich. Spüren wir Trauer, Schmerz, Ungläubigkeit oder Wut darüber? Aber sicher. Mehr oder weniger stark, mehr oder weniger präsent in unserem Alltagsleben – aber ein Verlust ist da. „Kalt“ lässt uns das Ende der Beziehung zum Vater oder der Mutter unseres Kindes/ unserer Kinder sicher nicht.

Raum für den Schmerz?

Leben wir nun diese Trauer, diesen Schmerz, die Sehnsucht, die sich mit diesem Menschen nicht mehr erfüllen kann, aus? Wann denn? Beim Pausenbrotschmieren für unsere Kleinen? Beim Kita-Elternabend? Bei der Präsentation unserer Projektarbeit? Oder beim Cocktail-Abend mit unserer besten Freundin, den wir uns nach zwei Monaten freischaufeln konnten? Allein- und getrennterziehend sein heißt oft auch: wenig Raum haben für das, was in uns schmerzlich ist. Denn wir sind Halt für andere – und haben, gerade im Scheitern unserer Beziehung, vielleicht auch erlebt, dass uns selbst kein Halt gegeben worden ist, wenn wir schwach waren.

Wie naheliegend erscheint es da, sich mit dieser Schwäche, Trauer und Wut „auf die Säule“ zu setzen und mit der Welt da unten in Bezug auf diese Gefühle nichts mehr zu tun haben zu wollen. Dann funktionieren wir, sind vielleicht sogar scheinbar glücklich, wieder „zurück im Leben“ – aber jener Teil unseres Inneren ist nicht dabei.

Mutiger Besucher

Ich habe erlebt, was passiert, wenn einer ‚aus der Welt dort unten’ über die Versorgungsleiter zu uns „hochzuklettern“ versucht. Ein Mensch, der eine neue Partnerschaft mit uns eingehen möchte, der unerschrocken genug ist, uns dort oben in luftiger Höhe wirklich sehen, uns wirklich begegnen zu wollen.

Ist ‚Symeons Säule‘ der Ort, an dem wir die Schwäche in uns verstecken, erschrecken wir ganz fürchterlich – und ein starker Impuls wird uns raten, den „Eindringling“ so schnell wie möglich abzuweisen, bildlich gesprochen die Leiter, auf der er zu uns hochgeklettert ist, zurückzustoßen. Dann ist dieser Teil in uns zwar „geschützt“ – aber er verhungert auch, da oben auf der Säule. Denn – ja – auch Symeon konnte nicht Jahrzehnte ohne Nahrung auf seinem Kapitell zubringen…

Was lehrt uns also der Blick auf den „Säulenheiligen“? Ich würde sagen, es ist das eine, dass wir uns aus Verletztheit – und aus Furcht vor möglicher weiterer Verletzung – auf unsere innere ‚Säule‘ zurückziehen; und das andere, es, wie vermutlich Symeon Stylites, aus freien Stücken zu tun. Vielleicht hat auch er sich zunächst aus Furcht und Abwehr gegenüber der Welt zurückgezogen – aber er scheint dort oben eine innere Ruhe gefunden zu haben.

Raum für den Schmerz

Vermutlich sollten wir „Symeons Säule“ verstehen als den Raum, den wir uns geben, um tatsächlich traurig zu sein und uns unseren inneren Verletzungen zuzuwenden. Im Gespräch mit einem Gegenüber (einem wirklich engen Freund, einer Therapeutin, vielleicht auch im Gebet) können wir dort oben Ruhe finden, ganz auf uns zurückgeworfen, aber letztlich doch geborgen.

Und vielleicht steigen wir aus diesem Gefühl des Gestärktseins auch irgendwann, wie Symeon, wieder von unserer (inneren) Säule, mit dem Bewusstsein: dort oben sind wir uns begegnet. Es war karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend. Aber die Trauer, Wut, Sehnsucht und Angst ist auch nichts, das ich von meinem Leben ‚unten im Trubel‘ fernhalten muss.

Dann kann ich mich auch wieder neu öffnen und lieben. Dem Leben wieder im Ganzen begegnen. Im Trubel des Lebens bei mir sein.

Falls du dich auf diesem Weg befindest wünsche ich dir herzlich alles Gute!

Sunnybee

Flugmodus. Warum mir Zeiten digitaler Stille wichtig sind

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Mein Handy ist aus. Flugmodus. Dabei befinde ich mich nicht über den Wolken. Kein Transatlantikflug, noch nicht mal Berlin-München.

Mein ganz normaler Alltag mit Beruf, Kind, Freundeskreis, (Ex-) Partner, mir selbst. Manchmal, ehrlich gesagt, genau in der Reihenfolge…

Das Kind macht Mittagsschlaf: Sie haben 2 neue Mails, 4 WhatsApp-Nachrichten, 3 SMS… Übertrieben? 2 WhatsApp-Gruppen versorgen mich mit Nachrichten (bei mehr möchte ich schon gar nicht dabei sein), mein Mailprogramm leitet mir die elektronische Post aufs Handy, dazu Nachrichten von Freunden und Bekannten. Also mal eben schnell die „Mails“ checken…

Auszeit vom „Pling-Pling“

Schön ist: ich habe offensichtlich soziale Kontakte. Weniger schön: die Art, wie ich inzwischen einen Großteil dieser Kontakte pflege, hat sich auf dieses „Pling-Pling“ verlagert: WhatsApp-Nachrichten, Mails, SMS…

Denn bin ich ehrlich zu mir: wirklich „Platz“ in meinem Leben – vor allem auch in dem angefüllten gerade mit Beruf, Kind, persönlichen Interessen und Freundeskreis – haben de facto weiterhin nur die mir am nächsten stehenden 5-6 Menschen. Eben diese „Herzensmenschen“ treffe ich auch persönlich, da reicht irgendwann das Hin- und Hergeschreibe nicht mehr, die digitalen „Funkrufe“. Wir wollen nebeneinander sitzen, bei einer Tasse Kaffee lachen, bei einem Glas Wein diskutieren, real, physisch, zum Anfassen nah.

Aber auch mit meinen besten Freunden schreibe ich oft über Wochen Kurznachrichten, bis wir wieder die Zeit und Muße für ein Treffen finden. Und daneben eben die Nachrichten von Bekannten, Mails von Kollegen…

Eine Flut, der ich mich jetzt einfach mal entziehe. Mein Handy bekommt definitiv momentan zuviel meiner Berührung ab. Ich werde mir einen Wecker kaufen (ja, diese Bimmeldinger im Plastikgehäuse) und eine Armbanduhr. Dann wird mein Handy morgens aus dem Schlafzimmer ausquartiert und tagsüber darf es in der Tasche bleiben – jedenfalls, bis ich ganz bewusst entscheide: jetzt bin ich bereit, wieder zu kommunizieren –
back on Air.

Und solange schenkt mir der „Flugmodus“ herrliche Stille – kein Empfang, zumindest momentan.

 

Biss zum Morgengrauen. Oder: Warum es keine „Arschloch-Kinder“ gibt

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Für die cinephilen Mütter (und vielleicht auch Väter?) unter euch: hier geht es nicht um die gleichnamige Vampir-Romanze, die sich 2008 in den Kinos der Welt zwischen Kristen „Bella“ Stewart und Robert „Edward“ Pattinson entspann…

Biss-Spuren aus der Kita 

Nein, ich schreibe hier von ganz realen, zahnabdruckverursachenden, schmerzhaften – Bissen! Vor zwei Tagen kam unser Sohn mit einer solchen Bissspur aus der Kita. Ich erfuhr davon per Foto, das mir sein Vater geschickt hatte (er war im Rahmen des von uns praktizierten Wechselmodells an diesem Nachmittag für die Kinderbetreuung zuständig). Seinen Kommentar („B. wurde heute von H. gebissen… aber alles gut soweit“) fand ich bewundernswert gelassen, schätzte die Lage aber, nachdem ich das Bild gesehen hatte, doch etwas anders ein. „Alles ok“ war sicher nicht der zutreffende Ausdruck. Ich beschloss, die Erzieherinnen in unserer Kita am nächsten Tag
auf den Vorfall anzusprechen…

Jetzt gehe ich nicht davon aus, dass unser Sohn in der Kita immer ein „Engel“ ist. Genauso wenig, wie ich dem kleinen „Beißer“ auch nur im Ansatz ‚böse Absichten‘ unterstelle. Der Junge ist 1 1/2, ich bin davon überzeugt, er beißt nicht, weil er die anderen ärgern will. Aber warum dann?

Was hätte Kant gesagt?

Warum fluchen wir Erwachsenen an der Ampel, brüllen mit rotem Kopf „Mir reicht’s!“ und schmeißen je nach Temperament mit Tellern oder zischen Beleidigungen, die klar unter der Gürtellinie liegen? Eben, weil es tatsächlich reicht – und wir für einen Moment unsere – erwachsene – Impulskontrolle verlieren. Dem gegenüber steht das, was man früher „die Contenance wahren“ nannte, ein Verhalten, das uns schlicht gesellschaftlich ‚kompatibel‘ macht: So schmettern wir dem Nachbarn, dessen Hund sein Geschäft auf unserem Grundstück hinterlassen hat, höchst selten entgegen: „Ihr Scheißköter wird bald das letzte Mal gesch… haben!“ und fluchen nur in der Privatheit unseres Autos über die „hirnverbrannten“ anderen Verkehrsteilnehmer…

Im schlechtesten Fall ist diese erworbene „Contenance“ eine dünne Schicht an Zivilisiertheit, die wir womöglich nur aus Angst vor „Vergeltung“ der Gegenseite aufrechterhalten (Der ‚Hundepapa’ ist 1,90 Meter groß, wir nur gut 1,70…); im besten Fall ist sie über die Jahre tatsächlich zu einem Teil unseres Wesens geworden, im Sinne von: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“ oder vielleicht sogar: „Handle so, dass dein Handeln zum Maßstab aller werden könnte!“ Damit nähern wir uns schon dem Kategorischem Imperativ (Dank sei Monsieur Kant) – und sind doch meilenweit von dem entfernt, was meiner Meinung nach klein Jonas, Hassan oder Bella umsetzen können.

Erwachsene Moral für kleine Kinder

Letztlich treten wir „Großen“ aber oft mit genau dieser Vorstellung „erwachsener Moral“ den Kleinen gegenüber auf. Kinder, die selbst oder anderen gegenüber handgreiflich werden, bekommen zu hören: „Das tut man nicht!“, „Wenn das jeder täte!“, „Stell dir mal vor, wie es XY jetzt geht. Entschuldige dich sofort!“ Im schlechtesten Fall werden sie selbst ausgeschimpft, ausgegrenzt („du darfst nicht mehr mitspielen“) oder gar geschlagen. Auch die Erzieherinnen unserer Kita betonten auf meine Frage hin, sie ließen ein solches Verhalten natürlich nicht durchgehen, sie würden mit dem kleinen „Beißer“ schimpfen und er müsse dann schon mal alleine spielen. Offensichtlich bedrückt sie die Situation auch (zumal das Beißen wohl keine einmalige Sache ist, sondern seit Monaten an der Tagesordnung).

Und ich stimme ihnen zu: auch eine 1 1/2-Jährige oder ein knapp Zweijähriger sollte merken: Stopp, hier ist eine Grenze – was ich gerade tue, wird von meiner Umwelt nicht geschätzt. Denn Hauen, Kratzen, Beißen sind tatsächlich keine adäquate Form der Kommunikation, weder für Kleine noch für Große…

Warum wird hier gebissen?

Meiner Meinung nach ist aber diese Rückmeldung schon „Strafe genug“: denn warum beißen, hauen oder kratzen Luan oder Beatrice denn? Eben nicht, weil sie „böse“, „schlecht erzogen“ oder gar in irgendeiner Form „gestört“ sind (jedenfalls nicht, wenn sie ein solches Verhalten mit 1 1/2 zeigen). Sondern weil sie schlicht (noch) keine angemessenere Form gefunden haben, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen! Ein Biss unter Kita-Kindern kann ein – höchst ungeschickter – Versuch der Kontaktaufnahme sein, es kann ein Versuch sein, Aufmerksamkeit zu erhalten (was ja meist gelingt, auch wenn diese negativ ist…) oder schlicht das Bemühen, für ungebremste Wut ein Ventil zu finden.

Entsprechend sollte so ein kleiner „Aggressor“ zwar gespiegelt bekommen: es ist nicht ok, was du hier machst. Aber dein Verhalten wird sanktioniert, nicht du selbst! Wir „Großen“ zeigen dir Alternativen: brüll vor Wut oder geh weg, aber beiß nicht zu. Halt Mila das Spielzeugauto einladend hin, statt es ihr über den Kopf zu ziehen etc.

Motiv und Handlung

Die pädagogisch sanfte Lenkung fruchtet nicht? Genauso wenig wie dein Schimpfen? Und das über Monate? Dann solltest du dich vielleicht fragen: Warum rede ich hier „gegen die Wand“? Vielleicht, weil mein Gegenüber etwas anderes braucht als „Stopp“ und (Verhaltens-) Alternativen? Vielleicht, weil er oder sie wirkliche Aufmerksamkeit für den Druck, die Wut oder den Schmerz braucht, die in seinem oder ihren Verhalten zum Ausdruck kommen?

Habe ich Stress mit meinem Chef, mit meinem Partner und dazu noch Magenschmerzen und breche darüber auf dem Heimweg von der Arbeit in Schimpftiraden über die anderen Autofahrer aus, hilft es mir keineswegs, wenn mich jemand anfährt, ich solle mich „doch mal zusammenreißen“ und sozialer verhalten. Teil meines Problems ist ja gerade meine Umwelt, wenn auch die anderen Verkehrsteilnehmer nur stellvertretend das verbal „abbekommen“, was eigentlich an Chef oder Partner adressiert sein müsste…

So in etwa läuft das meiner Meinung nach auch in der Kita-Spielecke ab: irgendwo muss der Druck raus – und da klein Kim und klein Luis weder schimpfen noch Autofahren können, kommt er eben auf die brachialere Art zum Ausdruck – und führt dem Kitakumpel gegenüber zu eben diesem Biss im Morgengrauen…

Was schließe ich daraus?

Aus Perspektive meines Kindes, das gebissen wurde, empfinde ich natürlich Besorgnis und Mitgefühl und es ist mir ein Anliegen, dass die Erzieherinnen das andere Kind gut im Blick behalten, Situationen entschärfen und so möglichst weitere Beißattacken verhindern. Andererseits empfinde ich ehrlich gesagt auch Mitgefühl für den kleinen „Beißer“, der sich über Monate nicht anders auszudrücken wusste und noch immer weiß. Vor etwa einem Jahr hat unser Sohn in der Kita übrigens auch ein paar Mal zugebissen. Das war, als er noch so gut wie gar nicht sprechen konnte, wir als seine Eltern mitten in der Trennung steckten und es zuhause nicht gerade friedlich zuging. Mir war damals sehr wichtig, dass unser Kleiner Alternativen zu seinem destruktiven Verhalten finden konnte (Weggehen statt Schubsen etc.). Vor allem aber haben sein Vater und ich uns daran gemacht, zu klären, was zwischen uns im Argen war und unserem Sohn damit das zu geben, was ein Kind unserer Meinung nach (zum Glück waren wir uns darin einig) ebenso braucht wie klare Grenzen: nämlich ein friedliches, stabiles Umfeld. Eltern, die wahrnehmen und nicht nur fordern und begrenzen. Eltern, die Zeit und Ruhe schenken. Eltern, die schätzen, wie ihr Kind ist und nicht wie sie es gern hätten. Eben das Gegenteil von Gewalt.

Frieden lernt wer in Frieden leben darf.

Das glaube ich fest – und wünsche dieses Geschenk von Herzen jedem Kind!

In diesem Sinn friedliche Grüße, 
Sunnybee

 

 

 

 

 

 

Familienchemie (II): Was nach der Trennung beginnt

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„Familie“ endet nicht mit der Trennung. Das ist in gewisser Weise ein Glück, bzw. birgt kostbare Möglichkeiten, wie ich im ersten Teil dieses Artikels beschrieben habe. Ein gemeinsames Kind, bzw. gemeinsame Kinder zu haben, kann einen dazu bewegen, gerade der Kinder zuliebe Verletzungen zu überwinden und den Streit ums „Recht haben“ nicht immer wieder neu aufzunehmen.

Andererseits bleibt der Ex-Partner – gerade durch die Kinder – immer ein wichtiger Teil des Lebens – und solange die Kinder auf die elterliche Fürsorge angewiesen sind, wird er auch nicht so leicht zu einem Teil der Vergangenheit. Im Gegenteil: Nötige Absprachen, die Begegnungen bei den Übergaben, Feiertage und Ferien, bei deren Planung die Bedürfnisse des ehemaligen Partners mit berücksichtigt werden, bewirken, dass dieser – auch nach der Trennung – noch ganz schön präsent ist.

Und selbst, wenn er oder sie sich ganz aus der Betreuung der Kinder zurückzieht oder derjenige, bei dem die Kinder die meiste Zeit leben, versucht, den Kontakt so gering wie möglich zu halten – so bleibt der ehemalige Partner oder die ehemalige Partnerin doch ebenfalls präsent – wenn auch vielleicht nur als „Leerstelle“, die Zutat, die fehlt im ‚Familiencocktail‘.

Trauer und Leichtigkeit

Ich merke, gut ein Jahr nach der Trennung von meinem ehemaligen Freund und Vater meines Sohnes, dass ich noch Spuren von „Trauer“ um unsere in dieser Konstellation nie wieder bestehende Familie in mir trage. Besonders bewusst wird mir das in Momenten, in denen ich beginne, mich als Frau wieder dem Leben zu öffnen, mich also z.B. mit einem anderen Mann zu verabreden.

Ist einfach noch nicht genügend Zeit vergangen, wenn mich das in dieser Weise (auch) traurig macht? Oder ist es schlicht der Tribut an die Tatsache, dass ich mein Leben zu einem früheren Zeitpunkt anders „gedacht“ habe und ich mich mit einem neuen Kennenlernen noch einmal deutlicher von diesem Entwurf verabschieden muss?

Und was wird sein, wenn ich irgendwann tatsächlich eine neue Beziehung eingehe, womöglich mit einem Partner, der bereits Kinder hat? Die klassische ‚Patchwork-Konstellation‘ – zwei Erwachsene, die es miteinander versuchen, mehr oder weniger leichtfüßig, mehr oder weniger befangen, dazu  mehrere Kinder und die jeweiligen vorherigen Partner/innen, ggf. auch mit neuen Partnern…

Gerade schwirrt mir etwas der Kopf, wenn ich mir das vorzustellen versuche… Ist da Raum für Leichtigkeit? Einfach auch mal nur ‚zu zweit sein‘, sich kennenlernen, als Mann und Frau und auch, mit den Kindern, als Vater oder Mutter – ohne gleich den Gedanken: was wird daraus? Ist da Raum für Freude, Unbeschwertheit – und auch für Trauer? „Entmischen“ kann ich den ‚Familiencocktail‘ zwischen meinem ehemaligen Freund, meinen Sohn und mir jedenfalls nicht. Also was damit tun, dass wir immer ein Stück weit verbunden sein werden? Und dass ich vielleicht irgendwann eine neue Bindung eingehen werde?

Mixen mit Vertrauen

Vielleicht ist das Leben auch hier eine Folge kleiner Schritte. Und andererseits so schnell und umbruchartig, dass ich es gar nicht „planen“ kann!… Vermutlich muss ich meinen neuen ‚Cocktail‘ ein Stück weit einfach mischen lassen – vom Schicksal, oder, vertraue ich darauf, einer höheren Instanz. Um im Bild zu bleiben: welcher wirklich gute Barkeeper mixt allein mit dem Verstand? Die Beigabe der Zutaten nach Augenmaß, das Quentchen Zufall bei der Bemessung der Mengen – und dabei das Vertrauen, dass schon alles gut gehen wird, bzw. ich auch mit einem Scheitern umgehen könnte – hierin liegt vermutlich das Rezept jeder guten Mischung – am Tresen wie im Leben.

 

 

Familienchemie (I): „Familie“ endet nicht mit der Trennung

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Ich möchte darüber schreiben, dass „Familie“ nicht endet, bloß, weil man sich als Eltern trennt. Die Ingredienzien der „Familienchemie“ mögen vielfältig sein: Achtung und Zuneigung, Zärtlichkeit, Aufmerksamkeit und Spaß – oder auch Rivalität und Widerstand, Abwertung, Wut und Verletzung. Vor allem gegen Ende der Beziehung wird dieser „Cocktail“ – um im Bild zu bleiben – oft regelrecht explosiv. Auch bei meinem ehemaligen Freund und mir blieb in den dunkelsten Momenten nur noch wenig an Achtung und Zuneigung, beides war schlicht überlagert von Wut und bitterer Verletztheit.

Anders als am Ende einer kinderlosen Beziehung schwingen bei der Trennung eines Paares, das ein gemeinsames Kind – oder gemeinsame Kinder – hat, aber noch weitere Emotionen mit: die Trauer, Wut und Fassungslosigkeit des Kindes, die Trauer der Eltern, insofern sie sie denn noch fühlen können, dass sie ihrem Kind diese Trennung „antun“ müssen. Auch Gefühle von Hilflosigkeit und Überforderung: Wie kann ich eine gute Mutter, ein guter Vater sein, in einem Moment, in dem ich so sehr mit mir beschäftigt bin, in dem mir meine eigene „Welt“ zu entgleiten droht?

„Der“ muss weg, dann geht’s mir gut?

Es scheint naheliegend, den Weg aus diesem (gefühlten) Durcheinander darin zu suchen, dass man den Kontakt zum anderen Elternteil auf ein Minimum reduziert: mit „dem“ oder „der“ will ich nichts mehr zu tun haben. „Der“ oder „die“ macht mir die schlechten Gefühle, wenn er oder sie „weg“ ist, geht es mir wieder gut. Das mag für die Zeit unmittelbar nach der Trennung sinnvoll sein, manchmal ist es vielleicht auch der einzige Weg, um sich ständig wiederholende „Explosionen“ zu vermeiden. Dennoch bleibt für mich etwas Unbefriedigendes an dieser „Lösung“.

Um noch einmal zum Bild des „Familiencocktails“ zurück zu kommen: was einmal gemischt ist lässt sich schlicht nie vollständig wieder trennen. Unsere Kinder sind der sichtbare Beleg dafür. Wenn mein ehemaliger Freund und ich uns in tiefer Liebe für unseren Sohn austauschen, ist das für mich in stärkender Weise spürbar – ebenso, wie es schmerzhaft spürbar wäre, wenn ich mich mit ihm über unseren Sohn bis hin zum Familiengericht streiten würde.

Zu schätzen, sich vielleicht sogar darüber auszutauschen, – oder zumindest anzuerkennen, dass ohne den anderen dieses Kind, und damit dieses Geschenk des Lebens, gar nicht existieren würde, ist meiner Meinung nach schlicht heilsam. Und so kann es ein Geschenk sein, dass wir durch unseren Sohn immer verbunden bleiben werden, ein Stück weit „Familie“, auch wenn wir als Eltern kein Paar mehr ist.

Die irrste Katze der Welt. Wie alles begann.

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Was ist ein kleiner Elefant, der sich für eine Katze hält? Oder eine Katze, die zufällig einem Elefanten zum Verwechseln ähnlich sieht?

In der Menschenwelt würde man so etwas dissociative identity disorder nennen. In Gilles Bachelets absurd komischem Kinderbuch ist dieser Elefant die „irrste Katze der Welt“…

Ganz nach Katzenmanier schmust er und döst vor sich hin, versucht den Goldfisch aus seinem Bassin zu angeln und zerfetzt sein Kuscheltier – um sich am Ende in die Gummikarotte des Nachbarhundes zu verlieben…

Funk statt Fuji

Die Zeichnungen erinnern mit ihren zarten Linien und der harmonischen Farbgebung an japanische Landschaftsmalerei. Aber statt des Fujis geht hier der Funk ab – seit das Elefantatzentier das Zuhause des Künstlers in Beschlag genommen hat, ist dort nichts mehr, wie es einmal war…

Ein herrlich absurder Spaß für große Leserinnen und Leser und ihre kleinen Zuhörer und Zuhörerinnen! 🙂

Leseprobe: 

„Was gibt es Rührenderes als einen Wurf Kätzchen, die ihre kleinen Rüssel auf der Suche nach der Muttermilch hin und her bewegen? Wenn Ihnen bei einem solchen Anblick das Herz aufgeht, lassen Sie sich hier erzählen, wie eines von ihnen, komme was wolle, meine liebste, dickste und irrste Katze der Welt wurde.“

Gilles Bachelet: Die irrste Katze der Welt. Wie alles begann. Gerstenberg Verlag. (Ab 3)

Der Kuss der Spinnenfrau

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Zwei Häftlinge, die die argentinische Justiz der 1970er Jahre in einer Zelle zusammengebracht hat: der wegen regimekritischer Aktivitäten inhaftierte Valentin Arregui und Molina, der wegen homosexueller Handlungen zu acht Jahren Haft verurteilt wurde.

In ihrer Einsamkeit und um der Monotonie der Haft ein Stück weit zu entgehen, beginnt Molina, seinem Zellengenossen detailliert alte Hollywoodfilme nachzuerzählen. Die Handlung der Filme wird Teil eines Dialogs, der sich durch den gesamten Roman zieht. Ihre Worte bleiben unkommentiert durch einen Erzähler, wirken, nur mit Spiegelstrichen voneinander getrennt, selbst wie die Mitschrift von Filmszenen, an denen der Autor uns Leserinnen und Leser als stumme „Voyeure“ teilhaben lässt.

Vorsichtige Annäherung

In der Intimität ihrer Zelle kommen sich die zwei ungleichen Häftlinge näher. Arregui, geschwächt von dem vergifteten Essen, das die Gefängnisleitung ihm als Teil ihrer Zermürbungstaktik zukommen lässt, beginnt, Vertrauen zu fassen zu Molina, der ihn mit großer Menschlichkeit und Hingabe pflegt und schließlich seine Vorräte mit ihm teilt, um ihn vor weiteren Vergiftungserscheinungen zu bewahren.

Molina wiederum scheint Arregui zunächst zu „dienen“, gemäß der vom argentinischen ‚Machismo‘ geprägten ‚weiblichen’ Rolle, die er als femininer homosexueller Mann wie selbstverständlich einnimmt. Allmählich wandelt sich das Verhältnis der beiden Männer jedoch. Echte Zuneigung einerseits und eine von Respekt geprägte Dankbarkeit beginnt die Männer zu verbinden und ermöglicht beiden letztlich eine Begegnung auf Augenhöhe, eine intime Nähe, an der wir Leserinnen und Leser vor allem durch das Unausgesprochene (im Textfluss durch |…|markierte Pausen) teilhaben.

Eine Lektion über das Leben

Ich finde einerseits die verschiedenen „Ebenen“ des Romans faszinierend sowie die unkonventionelle, ‚roh‘ und zugleich intim wirkende Erzählweise im reinen Dialog. Andererseits berührt mich ganz direkt der Schmerz – und die Zärtlichkeit -, die im Verlauf des Romans zwischen den Häftlingen zu spüren ist und meist durch das Unausgesprochene, durch Gesten und Halbsätze, deutlich wird. Die wortreiche Nacherzählung der alten Hollywoodfilme begleitet die Annäherung der beiden wie eine Hintergrundmelodie. Die Handlung der Filme hat mit dem Geschehen in der Zelle auf den ersten Blick nichts zu tun. Allerdings verschafft Molinas Nacherzählung den beiden Männern überhaupt erst eine Ebene des Austauschs und die von ihm gewählten Filme sind allesamt tragisch und komplex – sie spiegeln damit in gewisser Weise die Situation, in der Arregui und Molina sich befinden.

Ein „Kammerspiel“ der besonderen Art und eine berührende Antwort auf die Frage „Wofür lohnt es sich eigentlich, zu leben, mit echter Hingabe da zu sein?“ – –

Leseprobe:

„In gewisser Weise sind wir vollständig frei, so gegeneinander zu handeln, wie wir wollen. Drück ich mich verständlich aus? Es ist, wie wenn wir auf einer einsamen Insel wären. Einer Insel, auf der wir womöglich jahrelang allein sind. Denn außerhalb, natürlich, da stehen unsere Unterdrücker, aber hier innen nicht. Hier unterdrückt niemand. Das einzig Verwirrende für meinen müden oder konditionierten oder deformierten Kopf ist, dass jemand mich gut behandelt, ohne irgendetwas dafür zu verlangen.
– Schön, das weiß ich nicht…
– Was heißt, du weißt es nicht?
– Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. […] Denk dir bitte nicht irgendwas Ausgefallenes, aber wenn ich dich gut behandle… dann tue ich es, weil ich deine Freundschaft gewinnen will, und weil ich möchte, warum soll ich es nicht sagen?… dass du mich gern hast. Genauso wie ich zu meiner Mama gut bin, weil ich sie lieb habe, weil sie gut ist und weil ich möchte, dass sie mich lieb hat… Und du bist auch ein guter, selbstloser Mensch, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hat für ein großes Ideal… Schau jetzt nicht weg, schämst du dich?
– Ja, ein wenig… Aber ich schau dir ins Gesicht, siehst du?
– Und deshalb… respektier ich dich und hab dich gern und möchte, dass du mich gern hast…“

Manuel Puig: „Der Kuss der Spinnenfrau“. Suhrkamp, 1998 (erste Auflage 1976).