Tolle Nachbarn

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(C) Tolle Nachbarn

In Schafstadt geht es gesittet zu: der Polizist dreht seine Runden, alle Nachbarn sind in ihrem jeweiligen Zuhause, Frau Spätzle fegt, Frau Schopf schimpft, weil die Nachbarn über ihr ihren Teppich am offenen Fenster ausklopfen. Alles sehr ordentlich, alles ziemlich grau. Das ändert sich, als die ersten neuen Nachbarn einziehen: ausgerechnet Familie Wolf knattert mit Motorrad samt Beiwagen ins Viertel… Helle Aufregung unter den Schafen! Von Seite zu Seite wird die Nachbarschaft bunter, Familie Affe zieht ein und pflanzt Kletterranken, die Löwes spielen Pingpong auf der Dachterrasse, aus dem Kurzwarenladen am Eck wird die „Bar zum Krokodil“. Das Leben verlagert sich von den Wohnungen auf die Straße, es wird geredet, gelacht, gegessen und gefeiert.

Ein Such- und Wimmelbuch für Kinder, und für Erwachsene eine Parabel mit feinem Humor, darüber, dass Nachbarschaft mehr sein kann als Kehrdienst und eingehaltene Ruhezeiten. Tolle Nachbarn, tolles Buch – in der Tat!:-)

Leseprobe:

„Panik im Viertel! Alle meine Nachbarn kriegen Angst! „Der Wolf ist da! Der Wolf ist da!“, schreit Herr Sesselpups und rennt panisch davon. „Marsch, ihr geht jetzt sofort in die Schule!“, befiehlt der Lehrer, doch seine Schüler finden es hier viel spannender. Und ich bin begeistert: Familie Wolf zieht nämlich in die Wohnung direkt unter mir ein. Endlich mal was Neues!“

Helene Lasserre und Gilles Bonotaux: Tolle Nachbarn. Jacoby&Stuart-Verlag. (Ab 2,5)

Wo Mut die Seele trägt

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Wer sind die afghanischen Frauen, die die Taliban unter den Tschador gezwungen haben? Nahid Shahalimi, Autorin dieses Buches, ist selbst Afghanin. Mit 12 Jahren musste sie aus ihrem Heimatland flüchten und lebt nach mehreren Jahren in Kanada nun in Deutschland. Als erwachsene Frau kehrt sie in das Land ihrer Kindheit zurück, bereist es fast drei Jahre lang und bringt die „Fundstücke“ mit, die in diesem Buch versammelt sind. 

20 mit zahlreichen Fotografien versehene Portraits starker afghanischer Frauen zwischen 16 und Ende 60 finden sich hier: Ein Mädchen, das sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Flüchtlingskindern einsetzt, eine Psychiaterin, die sich in einer Klinik in Kabul der Seelen psychisch- und suchtkranker afghanischer Frauen annimmt und eine der wenigen aktiven Pilotinnen Afghanistans sind nur drei davon. Beeindruckende Frauen, die das (westliche) Klischee der „unterdrückten afghanischen Frau“ erschüttern und doch täglich mit den Folgen der Kriege in ihrem Land und der Kontrolle der fundamentalistisch-religiösen Machthaber konfrontiert sind.

Ein Beleg, dass Stärke sich oft dort zeigt, wo sie gerade nicht gefördert wird. Einziger Wermutstropfen: manchmal hätte ich mir als Leserin gewünscht, noch mehr von den einzelnen Frauen, ihre Beweggründe und biografischen Stationen, zu erfahren. Obwohl die Portaits mehrere Seiten lang sind, öffnen sie zuweilen erst die Tür zu der Persönlichkeit der Frauen. Doch auch so ist der Blick, den Shahalimi durch ihren Mut und ihre Wissbegier uns Leser/innen ermöglicht, unbedingt lesenswert!

Leseprobe: 

„Die internationalen Medien vermitteln ein falsches Bild der afghanischen Frauen. Wir sind nicht zu Hause angebunden. Wir engagieren uns aktiv in der Gesellschaft. Ja, es gibt Gewalt und Unterdrückung von Frauen, aber es gibt auch großartige Frauen, die mutig voranschreiten und engagierte Mitglieder der afghanischen Gesellschaft sind.“ (Zarifa Adiba, afghanische Musikerin)

Nahid Shahalimi: Wo Mut die Seele trägt. Wir Frauen in Afghanistan. Elisabeth Sandmann-Verlag.

Der fliegende Hut

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(C) Der fliegende Hut

Ein Windstoß weht den fliegenden Hut vom Kopf eines kleinen Jungen – von wo aus er über die nächsten Seiten von Kopf zu Kopf wandert, durch alle Jahreszeiten hindurch, in Schnee, Sonnenschein und Regen. Da apportiert ihn ein Hund zu seinem Frauchen, dem er von einem Affen im Zoo geklaut wird, dessen Pfleger den Hut dann an sich nimmt. Der wiederum fährt mit Hut per Bahn nach Hause, kommt dort aber ohne Kopfbedeckung an, denn… am Ende findet der fliegende Hut zu seinem Besitzer zurück – aber bis dahin hat er ein lange, bunte Reise hinter sich gebracht!

Klare, farbenfroh gemalte Bilder, keinerlei Text –  und dennoch eine wunderbar phantasievolle, erzählbare Geschichte. Mit diesem Buch kommen Mama oder Papa, Oma oder Opa und die kleinen Leser/innen tatsächlich ins Gespräch: fragen nach, schauen hin, wundern sich und erklären. Ein „Bilderbuch“ im eigentlichen Sinn, meiner Meinung nach nicht umsonst mit dem Hans-Christian-Andersen-Kinderbuchpreis ausgezeichnet.

Leseprobe: 

gibt’s hier nicht, da ohne Text!;-)

Rotraut Susanne Berner: Der fliegende Hut. Aladin-Verlag. (Ab 2)

Armstrong

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(C) Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond

Armstrong ist mutig, blitzgescheit, ein brillanter Erfinder und Revolutionär der Raumfahrt. Er ist der erste, der seinen Fuß auf den Mond, den bis dato uneroberten Trabanten der Erde, setzt. Und: er ist eine – Maus.

Zumindest, wenn man dem wunderbaren Kinderbuch „Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond“ Glauben schenkt. Die sprühend fantasievoll und zugleich fotografisch exakt gezeichnete Geschichte erzählt diese (fast) unglaubliche Geschichte der ersten Maus auf dem Mond. Dabei wird die menschliche Luft- und Raumfahrtgeschichte quasi ‚en passant’ umgeschrieben und aus Mäuseperspektive neu erzählt. Eine wirkliche Entdeckung für große und kleine Leser/innen, Technikbegeisterte und angehende Astronautinnen!

Leseprobe:

„Natürlich gab es ein paar Menschen, die von der kleinen Mondmaus wussten. Sie hieß also genau gleich wie der erste Mensch auf dem Mond. So war sichergestellt, dass niemand aus Versehen das Geheimnis verraten könnte. Wann immer die Rede vom ersten Besucher auf dem Mond war, hieß es einfach nur: Das war Armstrong.“

Torben Kuhlmann: Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond. Nord/Süd-Verlag. (Ab 3)

Pepe und Lolo

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(C) Pepe und Lolo

Pepe ist schüchtern und wäre am liebsten unsichtbar, damit ihn auf der Straße niemand anspricht. Lolo ist laut, fröhlich, mit leuchtend grünem Kleid und roten Lippen. Pepe wohnt am einen Ende der Stadt, Lolo am anderen; in der Mitte des Buches begegnen sie sich und beginnen ihre gemeinsame Geschichte.

Eine Erwachsenliebesgeschichte in einem Kinderbuch, erzählt in halb gemalten, halb collagenartig zusammengefügten Bildern. Die Farbpalette ist ungewöhnlich dunkel für ein Kinderbuch in bordeauxrot, olivgrün und ocker. Eine leichte Melancholie zieht sich durch das Werk und zugleich laden die wunderschön, ein wenig surreal gestalteten Seiten, ebenso wie der poetische Text, zum Lesen und Verweilen ein.

Leseprobe: 

„Pepe mag Schnecken. Wenn er eine entdeckt, hockt er sich hin und erzählt ihr, was er heute kochen will. Oder was er gestern im Radio gehört hat. Oder warum ihm nach weinen zumute ist. Und bei Regen hält er seinen Schirm über die Schnecke, damit sie hören kann, wie die Tropfen darauffallen.“

Elisabeth Steinkellner und Michael Roher: Pepe und Lolo. Picus-Verlag. (Ab 4)

Mistress Proper?

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(C) seppolog.com

Alleinerziehend zu sein bedeutet: stark sein zu müssen.

Es kostet Kraft, Alltagsdinge wie Einkäufe, Behördengänge, Banktermine jeden Tag alleine zu erledigen, bzw. sich für Dinge wie Reifenwechsel, Reparaturen im Haushalt oder die Steuererklärung das nötige Know-how zu verschaffen oder professionelle Unterstützung zu organisieren.

Es kostet auch Kraft, die kleinen und größeren Alltagsgedanken und -sorgen mit sich selbst auszumachen. Freunde sind zuverlässig da, „wenn es brennt“, aber im Alltag oft mit ihrem eigenen Leben, Familie und Beruf beschäftigt. Auch ganz praktisch körperlich muss ich als allein lebende und alleinerziehende Frau „stark“ sein: wie viele Male in der Woche schleppe ich Einkaufstüten, wuchte den Kinderwagen über Treppenstufen und U-Bahn-Schwellen oder trage 18kg Kind in den 3. Stock…

Immer stark sein?

Dies soll kein Lamento werden à la „So schwer haben wir es als Alleinerziehende“, auch wenn sich das Leben, getrennt lebend und mit Kind, manchmal tatsächlich nicht leicht anfühlt. Mich interessiert vielmehr: wie gehe ich mit diesem Gefühl um, eigentlich immer „stark“ sein zu müssen, oft kein wirkliches Ventil für all die anderen Gefühle und Sehnsüchte zu haben: Wut, Trauer, Verzagtheit oder Erschöpfung, aber auch Lebensfreude, Humor, Neugier, Entdeckerlust, die mich als Frau ebenfalls ausmachen.

Ich habe (z.B. hier und hier) im Blog schon darüber geschrieben, was ich persönlich tue, um meine innere Leichtigkeit und Freude, Ruhe und Gelassenheit wieder zu finden. Manchmal gelingt es mir gut, meinen eigenen „Ratschlägen“ zu folgen, manchmal weniger…;-) Was ich hier betrachten möchte, ist: wie gehe ich damit um, wenn mich spürbar die Erschöpfung überwältigt, ich mit körperlicher und/oder seelischer Überforderung konfrontiert bin? Wie reagiere ich, wenn „ansteht“, schwach zu sein?

Schwach sein zu können ist eine Stärke

Krankheit (der berühmte „Rücken“, aber oft schon drei Tage grippeartige Erkältung mit hohem Fieber) zeigen mir sehr deutlich: kann ich nur stark oder auch schwach sein? Wie reagieren „wir“ Alleinerziehenden denn, wenn wir spüren, wir drohen krank zu werden? Oft doch mit dem Anspruch: „wird schon gehen“ – von Globuli bis Antibiotika, jede hat so ihre Mittelchen, um im Alltag nicht „auszufallen“. Und es „muss“ ja auch gehen: wir haben Verantwortung unseren Kindern, unseren Arbeitgebern und anderen Menschen, die von uns abhängen, gegenüber. Und wir sind es zudem oft so gewohnt, Stärke (körperliche und seelische) zu kultivieren, dass wir am Ende fast in Panik verfallen, wenn eben diese Stärke uns zu verlassen droht.

Wie zeigt sich diese Panik? Allzu oft doch im Versuch „noch stärker“ zu sein. Der Mutter der stark verschnupften Kita-Freundin würden wir am liebsten das Sagrotan-Fläschchen in die Hand drücken, damit sich unser Kind nicht ansteckt. Oder ein: „Geht schon, ich komm’ zurecht“, auch wenn eigentlich gar nichts mehr geht. Oder wütende Ausfälle gegen Ex-Partner, Jugendamt und Co, die einem „das Leben zur Hölle“ machen wollen. Schwach zu sein fühlt sich nicht schön an. Angriff und Kontrolle, oder aber Flucht und Rückzug, sind wohl noch immer in uns einprogrammiert, wenn wir uns bedroht fühlen. Und was anderes als eine Bedrohung ist das Gefühl von Schwäche in einem Leben, das so absolut nötig zu machen scheint, stark zu sein?

Leben mit allen Facetten

Ich will hier nicht dafür plädieren, sich haltlos Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit hinzugeben. Auch kein: „Ich bin so schwach, ich kann eh nichts tun!“
Aber wie reagieren wir, wenn tatsächlich mal nichts mehr geht? 40 Grad Fieber und das eine Woche lang? Autounfall und ein gebrochenes Bein? Oder seelische Schwere, die uns so gefangen hält, dass einfach nichts mehr möglich ist? Für unsere Kinder – und letztlich für uns selbst – suchen wir uns in diesen Extremsituationen doch meist Hilfe. Dann reist doch die Mutter aus 300km Entfernung an. Wir holen uns bei einer Beratungsstelle Unterstützung oder gehen zur Mutter-Kind-Kur. Wenn „nichts mehr geht“, bewegt sich oft gerade etwas…

Warum die Stärke, die wir offensichtlich in solchen Momenten existentieller Schwäche mobilisieren können, nicht bereits nutzen, wenn es uns nur mal „nicht so gut“ geht? Indem wir uns bereits da einen Tee kochen und ihn, wenn die Kinder im Bett sind, wirklich genießen; indem wir uns bewusst mit Menschen verabreden und austauschen, durch deren Gegenwart wir uns gestärkt fühlen – und den Kontakt zu denen, die uns schwächen, auf ein Minimum beschränken? Schwäche fordert oft Klarheit heraus: Was ist mir wirklich wichtig? Wofür mag ich mich wirklich einsetzen, wofür mag ich kämpfen – und was lohnt meine Anstrengung, meine Bereitschaft letztlich nicht? Schwach sein, auch wirklich körperlich, macht mich im besten Fall ehrlich: zu mir und zu anderen.

Keine „Mistress Proper“, die alles im Griff hat, eher eine wirklich starke Frau mit allen Facetten!:-)

Digital ahoi! Was Facebook, Amazon und Google für unsere Gesellschaft bedeuten

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Ende April 2018 erscheint in der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ ein Interview mit dem Philosophen Richard David Precht über Digitalisierung, Visionen der „Big Players“ des Silicon Valley und die sich potentiell daraus ergebenden gesellschaftlichen Folgen. Zwei Sätze bleiben mir in Erinnerung:

„[E]s wird eine zentrale Aufgabe des Staats sein, dafür zu sorgen, dass wir nicht in eine Zweiklassengesellschaft zerfallen. Einen Arbeitsadel, der seine Kinder auf Privatschulen schickt und ein Millionenheer an Abgehängten, die durch eine immer ausgefuchstere Unterhaltungsindustrie bespaßt werden, durch ein universelles Las Vegas.“

Precht sieht im zitierten Spiegel-Interview eine Gesellschaft voraus, in der aufgrund von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zahlreiche jetzt von Menschen ausgeübte Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden, so dass eine ganze „Schicht“ (ungelernter) Arbeiter ihren Arbeitsplatz verliert. Die neu geschaffenen Berufe (z.B. Software Engineer oder Virtual-Reality-Designer) werden von diesen Menschen nicht ausgeübt werden können, andererseits benötigt der Arbeitsmarkt der Zukunft ihre physische Arbeitskraft nicht mehr: Busse lenken sich selbst, Häuser werden von Maschinen gebaut und im Supermarkt kassiert der Service-Roboter oder der Kunde scannt seinen Einkauf gleich selbst (wie es ja bereits heute eine große skandinavische Möbelkette anbietet). Was aber tun mit Hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen Beschäftigter, die auf einmal ohne berufliche Aufgabe dastehen?

Wandel des Werts bezahlter Arbeit

Precht prognostiziert einen Wandel der ‚Wertigkeit’ bezahlter Arbeit: ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ könne garantieren, dass tatsächlich gearbeitet werden könne, um einen Beitrag zum sozialen Miteinander zu leisten und nicht um des Gelderwerbs – und sozialen Prestiges – willen, wie es heute (meist) der Fall sei. Tatsächlich verliert, wer heute lange Zeit nicht bezahlt arbeitet, an sozialem Ansehen: seien es die „Langzeitarbeitslosen“, „Harz IVler“ oder „Nur-Hausfrauen“ – oder andererseits die „Superreichen, die nur auf der faulen Haut liegen“: eine bezahlte Arbeit auszuüben wertet den sozialen Status auf; dies nicht zu tun, ist ein gesellschaftliches Manko.

Precht visioniert eine Gesellschaft, in der das anders ist, in der gesellschaftlicher Status nicht in erster Linie von beruflicher Leistungsfähigkeit und von Erfolg in der (bezahlten) Arbeitswelt abhängt. Aber er äußerte eben auch die oben zitierten Bedenken: Was, wenn unsere Gesellschaft sich dahingehend wandelt, dass einige wenige, digital versierte und flexible Berufstätige eine Art „Arbeitselite“ bilden, während die große Masse aus abgehängten digital-dauerkonsumierenden „Grundeinkommlern“ besteht? Die soziale Utopie des ‚bedingungslosen Grundeinkommens‘ wäre im doppelten Sinn „pervertiert“, da
1) nachwievor nur bezahlte Arbeit als sozial prestigeträchtig angesehen würde und
2) die nicht berufstätige Masse, statt sich sozial zu engagieren, von der Unterhaltungsindustrie „ruhiggestellt“ würde.

Prechts Vision zu kurz gedacht

Ich finde Prechts Vision einerseits erschreckend plausibel, andererseits „zu kurz gedacht“, in dem Sinn, als dass in ihr noch immer die Werte unserer heutigen Konsum- und Leistungsgesellschaft zum Ausdruck kommen: Wer heutzutage arbeitslos ist und über lange Zeit Harz IV bezieht, ist oft tatsächlich „sozial abgehängt“ und es ist eine bittere Tatsache, dass unreflektierter Medienkonsum desto wahrscheinlicher wird, je geringer sich das Einkommen und vor allem die durch Arbeit stattfindende soziale Einbindung gestaltet. Zwar resigniert längst nicht jeder, der Harz IV bezieht und lange keine Arbeit findet, vor Glotze und PC, aber die, denen Precht und manche Akademiker diese Art der „Verdummung“ („Isch, Cindy, schau Stern TV“) zuschreiben, kommen tendenziell eher aus einer „Schicht“, in der oft seit Generationen nur sporadisch gegen Geld gearbeitet wird und wo tatsächlich oft nicht nur beruflicher, sondern auch schulischer Erfolg zu wünschen übrig lässt. Vor diesem Hintergrund wäre der Bezug eines „bedingungslosen Grundeinkommens“ für das soziale Prestige so etwas wie heute der Bezug von Harz IV: etwas, das sozial zwar toleriert, aber auch geächtet wird. Das Grundeinkommen wäre de facto nicht „bedingungslos“, sondern hätte einen hohen Preis: den der sozialen Abwertung.

Aufgeklärter Umgang mit digitalem Konsum

Anders wäre das in einer Gesellschaft, in der tatsächlich nicht mehr bezahlte Arbeit über sozialen Erfolg und Misserfolg entscheiden würde, sondern der Umgang mit digitalem Konsum: Die wirklich „sozial Erfolgreichen“ wären dann nicht notwendigerweise diejenigen mit bezahltem Beruf, sondern diejenigen, die der Macht und Manipulation digitaler Konzerne etwas entgegenzusetzen hätten. Nicht umsonst äußert sich Precht höchst kritisch in Bezug auf die „Big Players“ der Digitalisierung: Google, Facebook, Amazon und Co propagierten zwar Selbstbefreiung und -optimierung, hätten tatsächlich aber vor allem die Beeinflussung der ‚User‘ zum Ziel. Prechts Einschätzung nach befürworten die digitalen Konzerne Optimierung „um der Optimierung Willen“: Jeder Nutzer digitaler Medien solle grundlegend ‚besser‘ im Sinne von „digitaler“ und „vernetzter“ werden. Das aber, so Precht, geschehe auf Kosten gesellschaftlicher Werte. Hier stimme ich ihm zu: wo globales „X-Mas“ gefeiert wird statt Weihnachten und „Hoho-Santa“ in der Online-Werbung in Cola-roter Kutte die Geschenke bringt, verlieren althergebrachte Traditionen – und damit auch Wertmäßstäbe – an Bedeutung. Werte wie Mitmenschlichkeit oder Gemeinschaftssinn, die dem „Höher-Schneller-Weiter“ einer Konsum- und Leistungsgesellschaft entgegenzusetzen wären, werden geschwächt.

Wie wollen wir leben?

Vermutlich sieht Precht die Auswirkungen der Digitalisierung deswegen als so entscheidend an: Menschen, die nicht (mehr) um des Geldes willen arbeiten müssen, haben Zeit. Aber wozu verwenden sie diese? Tatsächlich dazu, die Gesellschaft nach ihren Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, aktiv zu werden, im besten Sinne sozial „tätig“ zu sein – oder eben, an sozialen Themen uninteressiert, dumpf konsumierend vor Glotze und PC?

Vermutlich wird in einer zunehmend digitalisierten Welt die Frage: „Wie wollen wir leben?“ noch drängender werden: weil wir einerseits, wie Precht sagt, aufgrund schrumpfender Erwerbsarbeitszeit schlicht mehr Zeit haben werden, uns diese Frage zu stellen; weil wir sie uns andererseits aber auch dringend stellen müssen, weil sonst digitale Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon uns ihre Antwort geben werden. Wer das „Höher-Schneller-Weiter“ der heutigen Berufswelt nicht kritiklos ersetzen möchte durch ein „Vernetzter-Gleicher-Transparenter“, sollte sich am besten heute schon Gedanken machen, wie er statt dessen leben will.

Was ist deine Meinung dazu? Schreib mir! 🙂

Zitierte Quelle:

Markus Brauck: „Die Digitalisierung bedroht alles, was ist“. In: Der Spiegel, Ausgabe 17/2018, 21.4.2018