Chaos im Kopf (Teil 2)

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Willkommen zum 2. Teil meines Blogbeitrags „Chaos im Kopf“! Und hier ist sie: die Auflösung der 100.000 Euro-Frage aus dem ersten Teil:

Was haben die Figur „Trauer“ aus dem Zeichentrickfilm „Alles steht Kopf“, der Kinderzimmerteppich meines Sohnes und guter Sex gemeinsam? Und wo sind dem gegenüber die, von vielen Erwachsenen akribisch geführten, To-Do-Listen zu verorten?

Aaalso…

Versetze dich noch einmal in die Szene des Films, in der „Trauer“ neben Rileys ausgemustertem Fantasiefreund sitzt. Sie sitzt einfach nur da, hat keine „Agenda“, keine 100 Ratschläge a la „Mach Sport!“, „Denk positiv!“ Nicht einmal Ideen in der Art: „Finde zu dir!“, „Sei ganz du selbst!“ Statt dessen ist sie einfach nur präsent: melancholisch und antriebslos wie immer, hört sie zu, ohne viel zu sagen – und tröstet genau damit Rileys traurigen Fantasiefreund.

Fazit 1: Wer traurig ist braucht keine Ratschläge. Da sein, wirklich mit dem Herzen, reicht.

Und was hat das mit dem Kinderzimmerteppich zu tun? Und mit Sex?!

Fazit 2: Wer fröhlich ist, braucht auch keine Ratschläge. Da sein, wirklich mit dem Herzen, reicht.

Darum braucht mein Sohn mich höchstens (hinterher) zum Aufräumen, und nicht dafür, ihm währenddessen zu sagen, wie er „richtig“ spielt oder Spaß hat. Während er, ganz in sein Spiel versunken, scheinbar „Chaos“ produziert, kann ich mein eigenes Leben genießen, durchatmen und z.B. eine Tasse Tee auf dem Sofa trinken, bevor er mich wieder braucht: „Mamaa!“ – Klingt logisch? Sieh dir Eltern auf einem deutschen Spielplatz in einem beliebigen, halbwegs sozial verträglichen Viertel an: Zwei von drei lassen Frida, Maleen, Luis und Oskar – Alter geschätzt eins bis drei – keinen Schritt tun, ohne sie zu loben, zu ermahnen, sie von den Schaufeln und Förmchen anderer Kinder abzulenken, zu heben, stützen, schieben. Einfach nur da sein, Klappe halten, machen lassen – scheint gar nicht so einfach zu sein. Das führt mich zu:

Fazit 3: Nicht nur beim Sex kann ein gewisses Maß an „Chaos“ befreiend sein. 

Das Leben – welch banale und doch gültige Aussage: macht. was. es. will. Und nicht, was ich will. Oder du. Oder der Dalai Lama, Herr Bundespräsident Steinmeier oder deine Chefin. Will sagen: Macht oder Erkenntnis und die daraus resultierende Autorität mag dir eine Illusion der Kontrolle geben. Wirklich kontrollieren kannst du gar nüscht. Klar, du kannst dafür sorgen, nicht in vollgeschwitzten Klamotten zur Arbeit gehen zu müssen, indem du in regelmäßigen Abständen die Waschmaschine anwirfst. Und sozial kompatibler bist du sicher mit einem Grundmaß an Körperpflege und einer situationsangemessenen Ausdrucksfähigkeit. Beides erlernbar. Aber egal ob du stinkst oder dich in Haut Couture gewandest, ob du grunzt oder den Pulitzerpreis anstrebst, ob du bei Netto an der Kasse sitzt oder der CEO eines börsennotierten Unternehmens bist: wenn’s drauf ankommt, macht. das. Leben. was. es. will. Fällt dich mit einem Schlaganfall. Erhöht dich, wenn dich die Liebe streift… okay, okay…;-)

Fazit 4: To-do-Listen sind sinnvoll, solange du weißt, dass sie eigentlich nichts bringen.

Ich bestreite nicht, dass es sinnvoll sein kann sich Ziele zu setzten. „Moni anrufen“, „Sommerreifen aufziehen“ „Gummibärchen nur noch eine Tüte pro Woche“, so was in der Art. Im besten Fall stehen dahinter Werte („Freundschaften pflegen“, „für sich und andere sorgen“, „sich gesund ernähren“) und Werte sind ja das, was dir im Leben das Gefühl gibt, dich nicht nur zu bewegen, sondern auch eine Richtung zu haben. Aber denk nicht, bloß weil du Ziele hast – und selbst, wenn du dir deiner Werte bewusst bist -, dass du irgendwas am Leben im tieferen Sinne steuern kannst.

Fazit 5: Das. Leben. macht. was. es. will.

Also geh mit. Trauere und freue dich. Spiel wie ein Kind – und mach nicht zu viele Listen.

Das war meine Antwort. Danke für deine Aufmerksamkeit!:-) Was ist deine Antwort dazu?

Chaos im Kopf (Teil 1)

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Ich mag Struktur. Daher hier kurz die Themen dieses Blogbeitrags:

  • Sex
  • Zeichentrickfilme
  • To-do-Listen
  • Kinderzimmerteppiche

Ich beginne mit Punkt 2: Zeichentrickfilme.

Vor etwa drei Jahren habe ich einen Trickfilm des Disney-Studios Pixar gesehen: „Alles steht Kopf“ („Inside out“). Im Kopf der kleinen Riley halten in einer Art „mentaler Schaltzentrale“ die Gefühle Freude, Trauer, Wut, Angst und Ekel die Gefühlswelt des Mädchens in Balance, wobei „Freude“ (ein strahlend fröhliches, herumwirbelndes Persönchen) die anderen vier, eher weniger repräsentativen, Gefühle anfänglich gut in Schach – d.h. vom Schaltpult der Gefühlszentrale fern – zu halten weiß. Das gelingt, bis Riley mit ihren Eltern umzieht, sich ihre ganze (äußere) Welt verändert und „Freude“ wie „Trauer“ (ein reizendes, dauermelancholisches Pummelchen) durch eine Verknüpfung unglücklicher Ereignisse aus der Schaltzentrale herauskatapultiert werden. Jetzt herrscht Chaos in der Gefühlswelt des Mädchens. „Alles steht Kopf“ – und es bleibt die Frage: Finden „Freude“ und „Trauer“ ihren Weg zurück?

Warum erzähle ich das hier?

Weil der Film, wie eigentlich jeder gute Kinderfilm, neben der offensichtlichen Unterhaltung eine „zweite Ebene“ bietet: in einer Szene hat „Trauer“, die bis dahin eher linkische Statistin des Films war, ihren großen Auftritt. Eine weitere Figur des Films, ein etwas überdrehter, immer fröhlicher Freund Rileys, der nur in der Fantasie des Mädchens existiert, muss feststellen, dass er, je älter Riley wird, zunehmend an Bedeutung für sie verliert. Die Erkenntnis macht ihn tieftraurig. „Freude“ versucht, ihn mit Späßen und Ratschlägen aufzuheitern, aber nichts davon lindert seinen Schmerz. Da setzt sich „Trauer“ neben ihn in all ihrer „transusigen“, antriebslosen Melancholie und – ist einfach da. Hört zu. Sagt schließlich etwas in der Art: „Ja, das ist wirklich traurig, kann ich verstehen.“ Und hilft ihm allein dadurch, dass sie präsent ist – und da sein lässt, was dem Spaßvogel fremd und düster erscheint: die Traurigkeit.

Und damit zu Punkt 3: To-Do-Listen.

Wir Erwachsenen lieben ja Struktur. Effizienz. Excel-Tabellen und Lebensarbeitszeitkonten. Okay, wir fluchen auch darüber, aber letztlich ist es das, was uns glücklich zu machen scheint: die Folge absichtsvoller Handlung soll keinesfalls Chaos sein, sondern Ergebnisse, die sich sehen, messen, kausal begründen lassen. Struktur möge Struktur mit sich bringen, auf Ordnung Ordnung folgen.

Woran Punkt 4 anschließt: Kinderzimmerteppiche.

Wer hat schon einmal, nach ca 20-minütiger Spielzeit, das zuvor top aufgeräumte Kinderzimmer eines 2 1/2-Jährigen betreten? „Chaos“ ist das Wort, das den dort herrschenden Zustand am besten beschreibt. Wo zuvor der Blick ungehindert auf einen liebevoll ausgewählten, zentral positionierten Kinderzimmerteppich (sic!) fiel, stapeln sich jetzt 45 Duplosteine, 28 Memorykärtchen, ein in seine Einzelteile zerlegtes  Playmobilauto, zwei Kuscheltiere, Außerdem noch zwei Kissen aus dem Wohnzimmer und eine elektrische Zahnbürste, die als Reparaturwerkzeug im Einsatz war… Und das alles ist das Ergebnis höchst sinnvoller Tätigkeit (jedenfalls aus der Sicht eines unter Dreijährigen): Mit den Memorykärtchen wurde zuerst eine Straße gebaut, an deren Ende die Duplostein-Werkstatt für das zu reparierende Auto zu errichten war. Dieses fuhr erst einmal, wie am Vortag gesehen, durch die „Waschanlage“ (Zahnbürste), um dann wütend weggeschleudert zu werden, weil eine Tür beim Öffnen klemmte. In diesem Moment sollte „Mamaaa!“ zu Hilfe kommen, betrat das Zimmer und erhielt den oben geschilderten „chaotischen“ Eindruck…

Chaos“ scheint also auch eine Frage der Perspektive zu sein: was für mich willkürlich und ungeordnet erscheint, birgt für dich vielleicht innere Struktur – oder ist zumindest die Folge einer absichtsvollen Handlung.

Und damit zu Punkt 1: Sex.

Sex – jawohl, „guter“ Sex – hat ja neben gegenseitiger Anziehung und Leidenschaft auch verdammt viel mit Loslassen zu tun. Kaum eine/r möchte sich vermutlich ernsthaft beim Sex beobachten lassen (ausgesprochen selbstdarstellerisch veranlagte Menschen mal ausgenommen;-)), denn – das ist jedenfalls mein Eindruck: wirklich „Loszulassen“ fühlt sich innen präsent, intensiv und im extremsten Fall grenzerweiternd an – von außen, kühl und nüchtern betrachtet, mag es eher verstörend wirken:  verrenkte Gliedmaßen, gerötete Gesichter, Hecheln, Grunzen, Stöhnen…

Und jetzt die Fäden zusammen.

Folgst du noch der Argumentation? Dann hier die abschließende, zu erörternde 100.000-Euro-Frage;-):

Was haben „Trauer“ im Zeichentrickfilm, der Kinderzimmerteppich meines Sohnes und guter Sex gemeinsam? Und wo sind dem gegenüber die To-Do-Listen zu verorten?

Wenn du jetzt denkst: was soll das alles?! Die Frau spinnt, in den Blog schaue ich nie wieder – dann warte noch einen Augenblick und bedenke: Chaos, auch dieses hier, ist immer eine Frage der Perspektive. Zuweilen liegt ihm eine tiefere Ordnung zugrunde, so auch hier – würde ich sagen.

Welche? Schreib mir!

Auflösung im zweiten Teil dieses Blogbeitrags!

Bling Bling

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Das ist ein Lernhandy. Mein Sohn lernt damit:

  • Krach machen macht Spaß
  • Mama macht Krach nicht Spaß.

Wenn es nach dem Handy ginge, sollte er auch noch lernen:

  • Hunde machen „Wuff, Wuff“ (leicht elektronisch verzerrt)
  • Katzen machen „miau“ und heißen „Katze“ (das nämlich sagt das Lernhandy, wenn man die entsprechenden Knöpfe drückt).

Jetzt weiß mein Sohn – klug wie er ist – mit 2 1/2 allerdings schon, dass ein Hund „Wuff“ macht und „Hund“ heißt (auch wenn er ihn hartnäckig weiter „Wuff“ nennt)  – irgendwie hat sich das bis zu ihm herumgesprochen, ganz ohne Handy.

Und eben dieses Handy ist mir bei einer der Übergaben vom Kindsvater in die Hände gefallen und regt mich zu Spekulationen an:

  • über die pädagogischen wie ästhetischen Maßstäbe der Kindsoma väterlicherseits – denn von ihr kommt das Lärm- (Pardon: Lern-) Handy
  • über Sinn und Unsinn krachmachenden Elektroschrotts
  • über Erziehungsunterschiede zwischen dem Kindsvater und mir, die mir seit unserer Trennung oft eher zufällig, z.B. durch Fundstücke wie dieses, vor Augen geführt werden.

Au weia!…

Und NEIN: ich kaufe meinem Sohn nicht nur pädagogisch wertvolles Holzspielzeug. In seiner Spielebox im Mama-Zuhause tummeln sich neben Duplosteinen und Tiersteckpuzzle durchaus auch der ein oder andere Plastikschlumpf aus dem Überraschungsei – oder die Jim Knopf-Merchandising-Lok aus dem McD-Kindermenu (war übrigens ein Nachmittag lang der Hit…).

Aber JA, ich sehe tatsächlich kein Fernsehen mit ihm (Null, Zero): ich habe nämlich gar keinen, seit Jahren nicht. Und JA, wir schauen eine Menge Bilderbücher zusammen an (jeden Tag und nicht nur zum Kuscheln vor dem Schlafen) und JA, alles, was elektronisch blinkt, dudelt, tutet oder blökt wird von mir, schon aus Selbstschutz, nur in „homöopathischen“ Dosen zugelassen, bzw. verschwindet unauffällig…

Papa Bling Bling

… um WO wieder aufzutauchen? Bei – JAWOHL – PAPA!… Bei Papa liegt das elektronische Kinderliederbuch („ABC, die Katze geht im Schnee…“), der pinke Stoffhase mit Dauerdudel- und Hüftwackelfunktion; dort stehen die zwei fernsteuerbaren Rennautos und JA, auch das Kinderklo, das jeden erfolgreich versenkten Stinker mit Begleitmusik belohnt (das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht – Oma väterlicherseits hat es als Motivationsschub zum Trockenwerden angeschafft…;-))

Und JA, JA, JA, unser U3-jähriger Herzensjunge nutzt begeistert alles was blinkt, trötet, tutet und blökt!

Das ist ok für mich. Solange wir bei mir mit gar nichts an Requisiten den Stofftieren Essen kochen (ok, ein alter Strohhut ist die Schüssel!…) und mir mein Kleiner als „Doktor“ mit dem Kühlschankthermometer Fieber misst, dann einen „Luft“-Verband um mein Bein wickelt und mit dem Türstopper als Telefon den Krankenwagen ruft… Auch „Bus“ gefahren sind wir schon, auf zwei Stühlen hintereinander sitzend, und kürzlich war er der „Tiger“, den das Kuchengitter aus dem Backofen am Ausbrechen gehindert hat! Übrigens seine Ideen, nicht meine…;-)

Und JA, Fangen, Verstecken, Vorlesen, Rollenspielen macht ihm genauso Spaß wie das Lärmmach-Handy. Und solange das so ist, toleriere ich letzteres.

Und spiele ein bisschen auf meinem Lärmmach-Handy herum („Nur eben noch die Mails checken“…), bis wir beide wieder Zeit haben für die nächste Runde – Fantasie!

 

Ex und – hoppla. Der schnelle Weg beim (Online-) Dating

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Kleiner Schwank aus meinem Leben… heute Morgen, gegen 6.30 Uhr, bekam ich folgende WhatsApp-Nachricht:

Hey S. [alle Namen um der Anonymität Willen gekürzt] Ich habe mich länger nicht gemeldet, da ich letzte Woche jemanden kennengelernt habe und dabei etwas mit mir passiert ist. Es wäre absolut unfair und nicht korrekt, weiter zu machen. Wünsche dir/euch alles Gute. LG M.

Den Absender, besagten M., Vater von drei Kindern und wie ich seit gut einem Jahr getrennt lebend, hatte ich über ein Online-Datingportal, speziell für Alleinerziehende, kennen gelernt und bisher einmal getroffen. Drei nette Stunden bei einem Kaffee und ein anschließender Spaziergang. Danach noch einige Nachrichten hin und her; einen Termin für ein weiteres Treffen mit (insgesamt) vier Kindern, auf zwei Singles verteilt, zu finden, war uns nicht gelungen – und jetzt hatte sich das Ganze offensichtlich aufgrund anderer Gründe (s.o.) erledigt…

Ich gebe zu, ich war etwas enttäuscht. Richtig weh tat es nicht, dafür war einfach noch nicht genug passiert. Also mehr das Gefühl von etwas verletztem Stolz („Abserviert!…“) und vielleicht ein leichtes Bedauern. Und die ziemlich ernüchternde Erkenntnis: Dating in Zeiten des Single Mom- (und Single Dad-) Daseins ist offensichtlich nicht nur von meiner Seite aus auf Effizienz ausgerichtet…

Denn ich gebe zu, auch ich habe in meinem Leben als Single – und in jüngster Zeit sogar als Single Mom – schon Ansagen erteilt in der Form „Ich bin gerade nicht offen für was Neues“ (was gelogen war, ich hatte schlicht kein Interesse) – und das war’s für die andere Seite gewesen – so wie jetzt für mich.

Eigentlich guter Stil, eine klare Absage zu bekommen und nicht einfach keine Nachricht mehr. Und doch auch irgendwie trist, wie leichtfüßig da alles beendet wird, was durchaus das Potential zu der ein oder anderen gemeinsamen Unternehmung, vielleicht zu wechselseitigem Austausch oder auch mal einem Spielplatzbesuch als nette Bekannte gehabt hätte. Sympathie und Interesse war sicher von beiden Seiten aus da gewesen. Aber wo die Erwartung „Liebe oder Niete“ zu sein scheint, ist wohl kein Raum für Zeit, Entwicklung, Zwischentöne.

Top oder – hoppla, das war’s. Und während ich ein wenig betreten dastehe und betrachte, was hier gerade geschieht, denke ich: ein Glück, habe ich meine zwei, drei besten Freunde nicht online kennen gelernt. Die habe ich nämlich alle anfänglich zwar nett gefunden, aber wirklich zu begeistern begonnen haben sie mich erst mit der Zeit. Weil sie verlässlich sind, hilfsbereit, humorvoll – alles schwer zu „checken“ in den ersten 180 Minuten…

Back to Start! Neues Spiel, neues Glück – und wieder um eine Erfahrung reicher!;-)

Pupsgeräusche. Gedanken zum Wechselmodell

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Uups, hier geht’s gar nicht um Pupse…. Sondern – oha!… – um Politik. Um Ego. Und um ein Thema, das mich nachts um elf noch dazu bringt, einen Blogeintrag zu schreiben.

Heute erreichte mich der Hinweis einer Bekannten auf folgenden MDR-Beitrag:

FAKT IST!: Getrennt leben, gemeinsam erziehen – Das Recht aufs Kind – „https://www.mdr.de/fakt-ist/verteilseite2196.html

Kurz zusammengefasst: die FDP strebt einen Gesetzesentwurf an, das Wechselmodell (Kind 50:50 bei Vater oder Mutter) als familiengesetzliches Standard-Modell zu etablieren. Statt der traditionellen Familiengerichtsentscheidung „Kind bei Mutter, alle 14 Tage ein Wochenende bei Papa“ soll jetzt erst einmal davon ausgegangen werden: „Kind nach der Trennung die Hälfte der Zeit bei Papa, die andere Hälfte bei Mama“ ist das, was passt, und diese Regelung darf gesetzlich – was übrigens bereits seit 2017 gilt – auch gegen den Willen eines Elternteils durchgesetzt werden.

Das geht gar nicht!

Mir wird Angst und Bange, wenn ich mir das vorstelle.

Warum?

Mit dem Vater meines Sohnes praktiziere ich doch seit gut einem Jahr das Wechselmodell. Und unser Kleiner ist noch nicht mal drei. Und ich habe den Eindruck, es funktioniert nicht nur – es geht uns allen sogar richtig gut damit. Vor allem auch unserem Sohn. (Hier habe ich meine bisherigen Erfahrungen damit beschrieben).

Warum bin ich dann trotzdem klar und vehement gegen eine gesetzliche Festschreibung des Wechselmodells als Standardmodell in der Familiengerichtssprechung?

  • Weil die absolut unverzichtbare Grundlage dieses Modells meiner Meinung nach eine funktionierende Kommunikation zwischen den Eltern ist.
  • Weil ich „funktionierende Kommunikation“ – aus eigener Erfahrung – so verstehe, dass man es schafft, gerade nicht nur sein eigenes Wohl im Auge zu haben, sondern wirklich das des Kindes und in dem Sinn als Eltern auch nach der Trennung als Paar noch verdammt viel „Gemeinsames“ hat.
  • Weil sich diese „Gemeinsamkeit“ meiner Meinung nach nicht gerichtlich verordnen lässt. Im Gegenteil: wenn man vor Gericht landet, weil man sich davor nicht auf eine Art des Umgangs einigen konnte, stimmt höchstwahrscheinlich nicht nur mit der wechselseitigen Kommunikation, sondern auch mit der Haltung, die dieser Kommunikation zugrunde liegt, etwas ganz und gar nicht – keine gute Basis für ein Modell, das (s.o.) genau auf dieser Haltung basiert!…

Das Recht auf’s Kind?

Und damit komme ich zum Aspekt des Egos: der MDR-Beitrag ist mit dem Satz „Das Recht auf’s Kind“ betitelt. Und hier sträuben sich mir wirklich die Haare: Mein Auto, meine Couchgarnitur, von mir aus auch die über die Jahre archivierten Fotoalben – bis zu einer Trennung hat sich einiges angesammelt, was dann mühsam – und oft schmerzlich – wieder auseinanderdividiert werden muss. Und – nein, nein, nein! – das Kind/die Kinder gehören nicht dazu!

Mein Kind gehört nicht mir!

Ich finde, das müsste sich jeder frisch getrennte Elternteil auf den Badezimmerspiegel schreiben und noch vor dem Zähneputzen lesen: Mein Kind gehört nicht mir! Wenn überhaupt  gehöre ich meinem Kind. Und der Vater auch (oder die Mutter), auch wenn ich ihn – oder sie – nicht mehr mag, noch nie mochte oder am liebsten gar nicht mehr in meinem Leben hätte… Und unter „gehören“ verstehe ich: mein Kind braucht mich, liebt mich und ist rein physisch – und gefühlsmäßig sowieso – auf mich angewiesen. Ich könnte auch sagen: von mir abhängig. Ich präge – durch mein Verhalten – als Mutter und als Vater sein Bild von mir, von sich, ein Stück weit sicher auch sein Bild davon, wie Menschen überhaupt miteinander umgehen.

Dass ich das tue passiert einfach – schlicht dadurch, dass ich sein Vater oder seine Mutter bin, dadurch, dass wir – in welcher Form auch immer – eine „Beziehung“ haben. Ich würde sagen, sogar, wenn wir uns kaum kennen. Ich bin, allein dadurch, dass ich sein einer Elternteil bin, ein „Bezugspunkt“ im Leben meines Kindes (selbst wenn ich abwesend sein sollte) – und das ist meiner Meinung nach kein Recht, sondern nur eins: eine Verantwortung. Und im besten Fall ein Geschenk für mich und mein Kind, das ich – hoffentlich – zu würdigen weiß.

Ob das jetzt heißt, dass ich mein Kind nach der Trennung 50:50 oder 80:20 sehe, sollte meiner Meinung nach kein Gericht entscheiden müssen. Sondern ich sollte mich fragen: was kann ich tun, damit es meinem Kind, mir selbst und, – ja! – auch dem anderen Elternteil, nicht komplett elend geht. Denn verbunden sind wir durch unser Kind, auch wenn wir kein Paar mehr sind (vielleicht nie eins waren). Und die Verantwortung, die diese Verbindung mit sich bringt, sollte ich tragen – und nicht das Gericht.

In diesem Sinn schließe ich mich Stefan Rücker, der im MDR-Beitrag als Psychologe zitiert wird, an: „Nicht allein Umgangsmodelle fördern das Kindeswohl, sondern verantwortungsvolle Trennungseltern.“

Und das ist – apropos „Pupsgeräusche“ – sicher keine heiße Luft!:-)